Mittwoch, 9. August 2017

Von der bürokratischen Herausforderung, ein Visum für den Iran zu beantragen

Angeblich kostet ein Visum für den Iran 50 € und die Bearbeitungszeit beträgt 10-15 Tage. Ich habe 133,18 € bezahlt und fast zwei Monate gewartet. Aber dafür war ich im Karwendelgebirge wandern und habe eine neue Nagelschere.

Mein Urlaubsziel für diesen Sommer: Teheran. Mit Zug und Bus durch Balkan, Türkei, Kaukasus und den Iran. Mein Wohnort: Bozen. Und Schöllkrippen. Ich besitze zwei Wohnsitze, aber nur eine Staatsbürgerschaft, die Deutsche. Damit ist klar, dass ich mein Visum in Deutschland beantragen muss. Ist mir eh lieber, bei der Wahl zwischen einer Behörde in Italien und einer Behörde in Deutschland würde ich mich immer für die Behörde in Deutschland entscheiden, auch wenn es eine iranische Behörde ist.

Aber wo in Deutschland? Es gibt eine Botschaft in Berlin und mehrere Konsulate. Das praktischste wäre natürlich Frankfurt, 54 Kilometer von meinem angeblichen und dem tatsächlichen Wohnsitz meiner Eltern entfernt, und auch meine Reisepartnerin wohnt in der Nähe. Auf den 54 Kilometern überquert man aber eine Grenze: die von Bayern nach Hessen. Weil Schöllkrippen seit dem Reichsdeputationshauptschluss vor gut 200 Jahren in Bayern liegt, ist das Konsulat in München für mich zuständig und nicht das in Frankfurt. München liegt von meinen beiden Wohnsitzen jeweils vier Stunden entfernt. Und nach der Auskunft des Konsulats in Frankfurt gehe ich davon, dass ich persönlich erscheinen muss, um mir das Visum in den Pass kleben zu lassen. Was einen Tag Urlaub nehmen bedeutet, weil Samstagsöffnungszeiten in Deutschland ebenso ungewöhnlich sind wie flexible Arbeitszeiten in Italien.

Mittwoch, 07.06.: Der Online-Visumantrag
Zumindest den Antrag kann man aber online einreichen. Das erledige ich am 07.06., mehr als zwei Monate vor Beginn der Reise. Eine Hoteladresse angegeben, ein ungefähres Einreisedatum bestimmt, Reisepass und Passbild hochgeladen und losgeschickt. Voll modern. Dank Trackingcode kann ich sogar jederzeit den Status meines Visumantrags überprüfen: „Waiting for verification“ steht da. 
Und das 20 Tage lang.

Dienstag, 27.06.: Der Anruf im Konsulat
Nach zahlreichen vergeblichen Anläufen erreiche ich endlich einen Mitarbeiter des Konsulats – die telefonische Sprechstunde beträgt immerhin eine Stunde pro Tag. Per Mail wurde ich vorher darüber informiert, dass per Mail nicht zu Visumfragen geantwortet wird.

Der unfassbar unfreundliche Mensch am anderen Ende der Leitung erklärt mir, dass ich noch lange auf meine Verification warten kann, wenn ich nicht endlich meinen Pass und den Zahlungsbeleg ins Konsulat schicke.

Pass und Zahlungsbeleg ins Konsulat schicken? Das hätten sie ja auch mal vorher sagen können. Oder auf der Website schreiben können. Warum gibt es einen Online-Antrag, wenn man doch alles per Post schicken muss? Und überhaupt: Erst bezahlen, dann kriegt man vielleicht ein Visum? Das Prinzip kommt mir bekannt vor: Das aserbaidschanische Visum, das ich für meine Reiseroute ebenfalls brauche, musste ich zweimal bezahlen. Beim ersten Versuch wurde der Antrag nämlich abgelehnt, beim zweiten Mal dann genehmigt, aber bezahlen musste ich zweimal.

Also gut, Geld überwiesen. 50 € vielleicht futsch. Kontoauszug ausgedruckt, elektronischen Antrag nochmal ausgedruckt, Reisepass dazu. Mitsamt Passfoto und frankiertem Rückumschlag soll ich das nach München schicken. Der frankierte Rückumschlag muss natürlich an die auf dem Antrag angegebene Adresse in Deutschland gehen. Also brauche ich deutsche Briefmarken. Fuck. Außerdem würde ich der italienischen Post nach den Erfahrungen der letzten zweieinhalb Jahre niemals meinen Reisepass anvertrauen. Also spontaner Plan: am Samstag nach Mittenwald fahren. 100 Kilometer Luftlinie, für die die Post vier Tage braucht und die Bahn dank beschissenem Übergang in Innsbruck vier Stunden.

Samstag, 08.07.: Die Reise nach Mittenwald
Bei Abfahrt in Bozen um 7:32 Uhr bin ich um 11:35 Uhr in Mittenwald, laut Internet schließt die Postfiliale im Bahnhof Mittenwald um 12 Uhr. Die Deutsche Bahn ist nicht Teil der Reisekette, also könnte es sich pünktlich ausgehen.

Der beschissene Übergang führt dazu, dass ich in Innsbruck eine Stunde Zeit habe, ein Passfoto zu machen. In Bozen steht zwar wie in den meisten italienischen Bahnhöfen ein Passbildautomat, aber der Geldautomat spuckt nur 50 €-Scheine aus und zum Geldwechseln reicht die Zeit nicht mehr. Es wird in Innsbruck schon auch einen Passbildautomat am Bahnhof geben.

In Innsbruck am Bahnhof gibt es keinen Passbildautomat. Was nun? Hausverstand oder Google? Hausverstand sagt: Ins Kaufhaus Tyrol gehen, da gibt es entweder einen Passbildautomat oder einen Infocounter, an dem man fragen kann, wo ein Passbildautomat steht. Google sagt: Am Innrain 41 gibt es einen Fotoautomat. Ist zwar eine ganze Ecke weg, aber ich bin ja gut zu Fuß.

Hausverstand oder Google? Ich habe mich leider für Google entschieden.

Am Innrain 41 gibt es keinen Fotoautomat. Nur eine Galerie und pensionierte Anrainer, die verdutzt aus dem Fenster schauen, wenn ein junger Mann im Hinterhof einen Fotoautomat sucht. Zeit für den Hausverstand: Schnellen Schrittes ins Kaufhaus Tyrol. Da gibt es zwar auch keinen Fotoautomat, aber einen Infocounter, an dem ich erfrage, dass es gegenüber in der Rathausgalerie einen Fotoautomat gibt.

Kurz bevor ich die Suche nach dem Fotoautomat aufgebe, fällt mir auf, dass ich ja nach wie vor kein Kleingeld habe. Also erstmal einen Cappuccino To Go für 2,80 €. Damit bin ich jetzt schon bei 52,80 € Kosten für das Visum. Dank Koffein und dem lokalen Gemüsehändler finde ich schließlich im Untergeschoss den Fotoautomat. 7 € reinschmeißen, nicht lächeln, zack, bumm, fertig – 5 Passbilder. Neuer Zwischenstand: 59,80 €.

Alle 5 Passbilder ans Konsulat schicken wäre ja Verschwendung, und sie haben ja explizit geschrieben „1 Passbild“. Ich will ihnen keine Begründung mitliefern, meinen Antrag abzulehnen. Also brauche ich eine Schere. Wo krieg ich jetzt auf die Schnelle eine Schere her? Bei Bipa. Für 9,95 €. Neuer Zwischenstand: 69,75 € Euro für das Visum. Ich wünsche der Kassiererin ein schönes Wochenende und eile zurück zum Bahnhof. Zwei Minuten vor Abfahrt und leicht schwitzend erreiche ich den Zug nach Mittenwald. Während der Fahrt schneide ich mein Passbild aus. 

Ich komme pünktlich in Mittenwald an, betrete das Bahnhofsgebäude – und sehe einen Passbildautomaten. Hier hätte es nur sechs Euro gekostet. Und wäre 58 Minuten schneller gegangen. 

Leicht zu finden: Passbildautomat in Mittenwald.
Deutsche Post in Mittenwald: Kurze Wartezeit, freundliche und kompetente Angestellte – wenn ich die Zeit im Zug als Qualitätszeit (wann hat man schonmal Zeit zum Lesen?) verbuche, dann ist es effizienter und angenehmer, ins Postamt nach Mittenwald zu fahren, als Ewigkeiten im Bozener Postamt in der Schlange rumzustehen, bis man endlich von einer unfähigen Beamtin bedient wird.

Super Service: Deutsche Post in Mittenwald
Ich bestehe darauf, genau die Umschlaggröße zu verwenden, die das Konsulat empfiehlt, koste es, was es wolle, stecke sämtliche geforderten Unterlagen samt dem teuer erkauften und erschnittenen Passbild in das Kuvert. Zack, bumm, fertig – abgeschickt. 7,60 € kostet der Spaß. Und mein Antrag ist auf dem Weg nach München.

Neuer Zwischenstand: 69,75 €
Ich hingegen mache mich auf den Weg ins Karwendelgebirge – schließlich muss ich ja erst am Abend zurück nach Bozen. Wenn ich schonmal hier bin… kann ich auch 1.400 Höhenmeter, 430 Tunnelmeter und 55 Fotos lang durch das Karwendelgebirge wandern. Die vielleicht schönste Wanderung, die ich heuer gemacht habe. Und zu verdanken habe ich sie dem iranischen Konsulat. 

Am Ende einer wunderbaren Wanderung: Mittenwald aus der Vogelperspektive.

Dienstag, 11.07.: Die Whatsapp aus Schöllkrippen
Ich checke mal wieder den Status meiner Visum-Anfrage. Unverändert „waiting for verification“. Quasi gleichzeitig schickt mir meine Mutter eine Whatsapp: Zuhause ist ein Brief vom iranischen Konsulat angekommen. Sie schickt mir Fotos. Es ist mein frankierter Rückumschlag. Mein Passbild. Mein Pass. Mein Zahlungsbeleg. Mein Online-Antrag. Also alles, was ich ihnen geschickt habe. Zusätzlich noch ein nicht ausgefüllter Offline-Visumantrag. Visum ist keins dabei.

Ich überlege kurz, ob ich weinen oder lachen soll. Ich entscheide mich für lachen. Was soll das? Begleitbrief gibt es keinen. Telefonsprechstunde gibt es erst wieder morgen von 14 bis 15 Uhr.

Der subtile Hinweis mit dem leeren Formular – ich soll das also ausfüllen? Aber das habe ich doch Online schon alles ausgefüllt? Wofür gibt es denn die Online-Beantragung? Und warum, verdammt nochmal, sagen sie mir das nicht einfach, statt 7,60 € Portogebühren vollständig zunichte zu machen, indem die ganze Scheiß Prozedur mit Umschlag und Rückumschlag jetzt wieder von vorne starten muss? Warum behalten sie den Pass nicht einfach in München und bitten darum, den bereits ausgefüllten Antrag nochmals auszufüllen und nachzureichen? Was soll der Scheiß? Haben sie sich durch den USA-Stempel in meinem Pass provoziert gefühlt? Oder durch den Poststempel aus Mittenwald, wo vielleicht mal amerikanische Gebirgsjäger stationiert waren? Meine positive Grundhaltung gegenüber dem Iran (die ich mir trotz deutschem Medienkonsum bislang erhalten konnte) schwindet. Ich versteh es einfach nicht. 

Zwischenzeitlich hat sich übrigens nach erneuter Nachfrage endlich das Hotel in Teheran mal gemeldet, das ich im ersten Visumantrag angegeben hatte und wo ich unter Angabe meiner Kreditkartennummer zwei Zimmer gebucht hatte.
Das Hotel gibt es seit sechs Monaten nicht mehr.

Mittwoch, 12. Juli: Die italienische Post
Ich finde den blöden Antrag, der unausgefüllt in Schöllkrippen liegt, auf der Botschafts-Website. Aber ich muss ihn selber ausfüllen und vor allem unterschreiben. Und danach aus Bozen nach Schöllkrippen schicken. Hätten sie doch einfach den Pass in München behalten… Sei es drum: Ich begebe mich zur Post, verschwende dort meine Zeit und gebe 2,70 € dafür aus, dass das Formular möglichst schnell nach Schöllkrippen gelangt.

Am nächsten Tag ist es noch nicht da. Nach zwei Tagen auch nicht. Nach drei Tagen auch nicht. Nach einer Woche auch nicht.

Mittwoch, 19. Juli: Manuels Absage
Manuel kriegt kein Visum für den Iran. Begründung: Keine. Nach einem Telefonat mit der Botschaft ist er so schlau als wie zuvor und gibt die Hoffnung auf, dass er mit uns in den Iran fahren kann. Er kann also nur bis Aserbaidschan mitkommen. Für seine Freundin wird die Reise ebenfalls in Baku zu Ende sein. 

Von vier kleinen Jägermeistern bleiben nur noch zwei, die theoretisch in den Iran einreisen können. Falls mein Antrag irgendwann in Deutschland ankommt.

Donnerstag, 20. Juli: Die Statusänderung
Auch nach 8 Tagen ist der Brief noch nicht in Schöllkrippen angekommen. Ich telefoniere mit meiner Mutter und gehe verschiedene Optionen durch. Dass mein Vater meine Unterschrift fälscht ist keine.
Immerhin: Mein Visum-Status ist mittlerweile accepted. Das iranische Innenministerium wäre also damit einverstanden, dass ich ihr Land bereise. Jetzt hängt es irgendwann am Konsulat in München. Aber vorerst an der italienischen Post.

Ich überlege mir einen Plan B: Eine erneute Reise zu einem deutschen Briefkasten. Das mit der italienischen Post scheint ja nichts zu werden. Ich könnte nächstes Wochenende in München eine Freundin treffen. Und von München den Brief, den ich in Bozen 11 Tage vorher verschickt hatte, erneut verschicken. Damit der Inhalt von Schöllkrippen zurück nach München, von dort samt Pass wieder nach Schöllkrippen und von dort samt Reisepartnerin wieder nach München gelangen kann.

Deutschland diskutiert gerade darüber, eine Einreisewarnung für die Türkei zu verhängen. Sicher, demokratisch ist die Türkei schon lange nicht mehr. Aber sie ist nicht unser größtes Problem vor der anstehenden Reise…

Sonntag, 23. Juli: Die Reise nach München
Die Reisekosten nach München fließen nicht in die Kostenrechnung mit ein, ich wäre eh hingefahren. Aber die 1,45 € für die Briefmarke, die mir Svenja aus Karlsruhe mitgebracht hat, schon. Ausgefülltes Antragsformular ins Kuvert, Briefmarke drauf, Brief in den deutschen Briefkasten. Direkt ins Konsulat bringen bringt ja nichts, weil die Schlaumeier meinen Pass ja nach Schöllkrippen geschickt haben. Würde ich Pass und Antrag getrennt an sie schicken, würden sie das, was zuerst kommt, bestimmt gleich wieder zurückschicken. Deshalb der Postweg von München über Schöllkrippen nach München. Damit befinden sich nun zwei identische Briefkuverts mit identischem Inhalt auf dem Weg nach Schöllkrippen. Eines mit deutscher Briefmarke, eines mit italienischer. Welches wohl (zuerst) ankommen wird?

Mittwoch, 26.07.: Zwei Anträge in Schöllkrippen
Die Post ist da! Der Brief aus München hat Schöllkrippen erreicht. Und der aus Bozen auch. Beide am selben Tag. Drei Tage nach dem Einwurf in München, 14 Tage nach dem Versand in Bozen. Die italienische Post ist einfach nur zum Kotzen.

Die ganze Mühe mit dem erneuten Versand aus München war also völlig umsonst. Aber egal: Jetzt zählt jeder Tag, die Zeit drängt! Also bitte ich meinen Vater, noch heute das nun hoffentlich endgültig vollständige Kuvert samt frankiertem Rückumschlag bei der Post aufzugeben.

Leider ist heute Mittwoch. Der einzige Nachmittag in der Woche, an dem die Post-Dienststelle in Schöllkrippen geschlossen ist. Zum Glück gibt es 3 Kilometer weiter Krombach. Ein furchtbar langes, furchtbar langweiliges Straßendorf. Aber mit einer Post-Annahmestelle, die auch am Mittwochnachmittag Post annimmt. Auf geht’s. Es bleiben noch gut zwei Wochen, um meinen Pass von Schöllkrippen nach München, mit eingeklebtem Visum wieder von München nach Schöllkrippen und schließlich wieder zurück nach München zu bringen, wo ich die Reise am 11. August beginne. Es bleibt spannend. Wenn alles gut geht, steht der Reise nichts mehr im Weg. Wenn’s schiefgeht, hab ich gar keinen Pass und komme nicht mal nach Kroatien.

Dienstag, 1. August: Da ist das Ding!!!
Mir fällt vor Freude ein Steinbruch vom Herzen: Das Visum ist in Schöllkrippen angekommen. Und das, obwohl auf dem Rückumschlag eine Martin-Luther-Postkarte klebt. Lang lebe die islamische Republik! In 10 Tagen kann die Reise starten.


Gesamtkosten:
50 € Visum
7,60 € (Mittenwald) + 7,60 € (Krombach) + 2,70 € (Bozen) + 1,45 € (Karlsruhe/München) = 19,35 € Portokosten
7 € Passbilder
2,80 € Cappuccino in Innsbruck
9,95 € Nagelschere
21,60 € Ticket Innsbruck – Mittenwald und zurück
22,48 € Ticket Bozen – Innsbruck und zurück
Insgesamt: 133,18 €



Diesen Blog-Beitrag es jetzt auch auf https://eurasien2017.blogspot.it/


Dienstag, 1. August 2017

Belgien und Niederlande mit der Bahn

4 Tage VeloCity und 4 Tage InterRail ergeben eine abwechslungsreiche und lehrreiche Reise durch die Niederlande und Belgien. Um Fotos zu sehen, bitte auf die Karte klicken. Um Bildunterschriften zu sehen, bitte auf die Bilder klicken.




Montag, 10. Juli 2017

Venedig - Rom mit dem Fahrrad

9 Tage, 936 Kilometer, 9.818 Höhenmeter – die Radtour von Venedig nach Rom war durchaus anstrengend. Aber wunderschön. Ihr müsst keine 936 Kilometer radeln, um die schönen Städte und Landschaften sehen zu können, ihr müsst einfach auf die Karte klicken (und anschließend für Bildunterschriften direkt auf's Foto klicken).

https://goo.gl/photos/vzLiDXr8eXrhofoG9


Wenn es um die Wurst geht

Frankfurter, Wiener, Thüringer, Lyoner und Krakauer sind allesamt nette Menschen. Und allesamt essen sie gerne Wurst. Also haben sie meistens Schwein gehabt. 

Currywurst, Bockwurst, Grillwurst, Bratwurst oder Leberwurst? Dem Vegetarier oder der Vegetarierin ist das Wurst, er*sie isst sie alle nicht. Oder ist es ihm*ihr gleichgültig? Die Frage, ob ein Vegetarier Schmetterlinge im Bauch haben kann, wurde bereits ausgiebig erörtert. Aber kann einer Vegetarierin etwas Wurst sein? Kann man ihr eine gewisse Wurstigkeit attestieren? Darf sie bei Gehaltsverhandlungen eine Extrawurst verlangen?

Jeder Hanswurst versteht, dass ein Veganer keine Frankfurter isst. Aber ein Frankfurter kann vegan sein. Und das sogar mit zunehmender Wahrscheinlichkeit: Die Fleischesser nehmen ab. Also sie nehmen wahrscheinlich zu, aber sie werden immer weniger.

Ich bin ja noch in diesem unkomplizierten 20. Jahrhundert aufgewachsen, in dem man noch keine Berechnungsmethode für den CO2-Fußabdruck eines Wienerschnitzels kannte und der Zusammenhang zwischen Rindfleischburger und Regenwaldzerstörung nur in Fachkreisen bekannt war. Dort, wo ich aufgewachsen bin – ich bin Randbayer mit unterfränkischem Migrationshintergrund –, kriegen Kinder beim Dorfmetzger ein Stück Wurst geschenkt; gibt es ein Volksfest namens „Rappacher Wurstfest“; gibt es neuerdings Wurstautomaten; und niemand wundert sich über den Namen Wurstsalat. Wenn man bei mir zu Hause über jemanden sagt, er sei „ein Kerl wie ein Stück Wurst“, dann meint man das anerkennend: Das ist jemand, dem man die Wurst auf dem Brot gönnt, der sich aber zugleich die Wurst nicht vom Brot nehmen lässt.

Während ich mit meinen Wurstfingern über die Tastatur hämmere, stelle ich mir die Frage, ob sich mit zunehmendem Vegetarismus und Veganismus auch die Sprachgewohnheiten anpassen und die Wurst-Wortspiele allmählich aussterben werden. Werden wir in zehn Jahren auf die Frage „Willst du lieber ein Soja-Schnitzel oder lieber eine Seitan-Wurst?“ die Antwort „Das ist mit Tofu!“ erhalten? Ich, meines Zeichens konsequenter Flexitarier, kann es mir irgendwie nicht vorstellen. 

Anderes Beispiel: Conchita Wurst alias Tom Neuwirth hat 2014 für die Fleischhauernation Österreich den Eurovision Song Contest gewonnen. Können Sie sich vorstellen, dass irgendwann einmal ein Tofu den ESC gewinnt? Können Sie sich vorstellen, dass der berühmteste Weißwurstfabrikant Bayerns, Uli Hoeneß, seine Produktion auf Tofuwürste umstellen wird? Fall es wirklich so kommen sollte: Dann geht es den tierischen Fleischerzeugnissen ans Eingemachte. Sprich: Es geht um die Wurst. Denn alles hat ein Ende (und die Wurst hat sogar zwei). 

Nun ist es ja leider so, dass Tofu überhaupt keinen Südtirolbezug hat. Ganz anders als Wurst und Speck. Wenn man schon verbale Ersatzprodukte für die Wurst finden muss, kann man dann nicht zumindest ein anderes Südtiroler Produkt dafür hernehmen? Wie wäre es hiermit: Als Alternative zu „Das ist mir Wurst!“ hat sich ja jugendsprachlich bereits „Das ist mir Latte!“ etabliert. Das italienische Wort Latte heißt bekanntlich Milch. Also warum nicht: „Das ist mir Milch!“

Finden Sie das gut? Finden Sie es schlecht? Oder ist es Ihnen Milch?

Was bist du denn für ein Würstchen?
Dieser Artikel wurde in der Straßenzeitung Zebra (Ausgabe 4/2017) veröffentlicht.
Der Kauf der Zebra lohnt sich meiner Meinung nach sowohl für Käufer (weil die Inhalte wirklich interessant sind) als auch für Verkäufer (weil sie einen Euro vom Verkaufspreis behalten dürfen und einen Zugang zu Arbeitswelt und sozialen Kontakten erhalten). Mehr Infos hier.

Donnerstag, 29. Juni 2017

Das Fahrrad – Mit 200 Jahren im besten Alter

Als Karl Drais im Juni 1817 mit seiner Laufmaschine von Mannheim zum Schwetzinger Relaishaus fuhr, hätte er sicher nicht gedacht, dass er die Basis für ein Verkehrsmittel gelegt hat, dass auch 200 Jahre danach noch eine sehr wichtige Rolle spielt – das Fahrrad 

In den Jahrzehnten nach Karl Drais wurde das Fahrrad kontinuierlich weiterentwickelt: Ab 1862 gab es die ersten Pedalantriebe, ab 1885 löste das Niederrad mit unterschiedlich großen Zahnrädern das unsichere Hochrad ab, ab 1888 gab es Luftreifen und 1898 die erste Gangschaltung. Anfang des 20. Jahrhunderts war das Fahrrad schließlich in vielen Städten das dominierende Verkehrsmittel. Erst mit der Massenmotorisierung und dem Siegeszug des Automobils wurde das Fahrrad von den Straßen verdrängt, es wurden breite asphaltierte Schneisen durch die Städte geschlagen und die Siedlungen konnten sich weit „ins Grüne“ (das nun ja nicht mehr grün ist) ausbreiten, weil mit dem Automobil weitere Pendeldistanzen zurückgelegt werden können.

Seit einigen Jahren erlebt das Zweirad nun eine weltweite Renaissance: Radschnellwege, öffentliche Radverleihsysteme, Fahrradparkhäuser, grüne Wellen für Radfahrer – die Rahmenbedingungen für das emissionsfreie und gesundheitsfördernde Fahrrad werden überall verbessert. Städte auf der ganzen Welt vergleichen mit dem „Copenhagenize-Index“ ihre Fahrradfreundlichkeit, denn sie wissen: Je fahrradfreundlicher wir sind, desto mehr Lebensqualität bieten wir, also desto eher wollen sich Unternehmen und Bürger bei uns ansiedeln. 

Auch das Fahrrad selbst wurde in den letzten Jahren deutlich verbessert: Es gibt nun Elektro-Fahrräder, mit denen auch größere Steigungen kein Problem mehr darstellen und das Büro nicht nur ohne Stau, sondern auch ohne Schweiß erreicht werden kann. Es gibt moderne Cargo-Bikes, mit denen der Einkauf für die ganze Familie ohne Lärm und giftige Abgase nach Hause gebracht werden kann. Es gibt neuerdings Fahrradlichter, deren Leuchtkraft durchaus mit Autos-Scheinwerfern mithalten kann. Es gibt erstmals Fahrradbekleidung und Fahrradhelme, die wirklich chic sind. Cafés, die cool sein wollen, hängen sich Fahrräder an die Wand – und selbst Autowerbung, die ein junges, urbanes Publikum ansprechen will, kommt nicht mehr ohne Fahrräder (als Ausdruck urbaner Coolness, also das, was einmal das Auto war) aus.

Und wo steht Südtirol? Mit seinem gut ausgebauten, etwa 500 Kilometer langen Radwegenetz ist Südtirol auf einem guten (Rad-)weg, das Fahrrad als emissionsfreie Alternative zu etablieren. Natürlich gibt es noch Lücken im Netz, es fehlen vielerorts sichere Abstellanlagen und es fehlt – abgesehen von der Landeshauptstadt Bozen – vor allem eine „Radkultur“, also ein Verständnis dafür, dass ein Radfahrer ein vollwertiger Verkehrsteilnehmer ist und nicht nur jemand, der in seiner Freizeit gerne Berge und Täler erradelt. 

Der Bereich Green Mobility in der STA - Südtiroler Transportstrukturen AG möchte einen Beitrag dazu leisten, dass sich in Südtirol eine Radkultur entwickelt. Deshalb organisiert er gemeinsam mit dem Ökoinstitut Südtirol den Fahrradwettbewerb „Südtirol radelt“, bei dem man auch etwas gewinnen kann, wenn man regelmäßig mit dem Rad fährt. Die STA hat sichere RadlBoxen an den Bahnhöfen initiiert und das Maßnahmenpaket „smart unterwegs“ mit ausgearbeitet, das künftig Förderungen für Fahrradprojekte vorsieht. Außerdem wurde das Aktionslogo „200 Jahre Fahrrad – 200 anni bici“ beauftragt. Alle Akteure in Südtirol dürfen das Logo für ihre Aktionen, Projekte und Veranstaltungen zur Fahrradförderung verwenden, um dem Fahrrad mehr Sichtbarkeit zu verleihen – und um zu zeigen: 200 Jahre nach der Jungfernfahrt von Karl Drais ist das Fahrrad so modern wie noch nie zuvor.

http://www.greenmobility.bz.it/themen/radmobilitaet/
Dieser Artikel wurde Naturschutzblatt des Dachverbands für Natur- und Umweltschutz in Südtirol (Ausgabe 1/2017) veröffentlicht. Mehr Infos hier.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Stadt findet statt

Es sind immer seltener Politiker, die die wichtigen Entscheidungen treffen. Offensichtlich sind es die Städte, die handeln und entscheiden: Stadt findet statt.

Vor langer langer Zeit, als das Freibier noch 1.000 Lire gekostet hat, da waren es noch Politiker (ja, meistens tatsächlich Politiker, Politikerinnen gab es damals noch nicht viele), die wichtige Entscheidungen entschieden haben, die Beschlüsse beschlossen haben, die Geschichte gemacht haben. Napoleon Bonaparte in Paris, Franz Josef in Wien, Otto von Bismarck in Berlin. Es waren einzelne mächtige Menschen, die geherrscht haben – und nach denen alles benannt wurde: Der Code Napoleon, der Kaiserschmarrn, der Bismarck-Hering.

Dann kam die Demokratie. Und mit ihr die Gefahr, abgewählt zu werden, wenn man etwas falsch gemacht hat. Oder wenn man etwas Mutiges gemacht hat, dessen positive Effekte sich erst nach der nächsten Wahl einstellen. Nun kann man entweder aufhören, mutige Beschlüsse zu fassen – oder man hört auf, diese Beschlüsse mit den Namen einzelner Politiker in Verbindung zu bringen. Eine Alternative war schnell gefunden: Städte.

Ja, in der Politik des 21. Jahrhunderts sind es vor allem die Städte, die handeln: Moskau behauptet etwas, Washington widerspricht. London sitzt nicht mehr am Verhandlungstisch. Athen sind von Brüssel die Hände gebunden. 

Auch die Abkommen und Verträge des 21. Jahrhunderts sind nach Städten benannt: Schengen. Dublin. Lissabon. Maastricht. Athen verstößt gegen Maastricht, Stockholm setzt Schengen aus – wie reagiert Berlin?

Trotz der stattlichen Zahl an Städten in der EU gibt es natürlich ein Problem: Irgendwann sind alle Städtenamen aufgebraucht, für weitere Abkommen muss man sich etwas Neues ausdenken. Die naheliegende Lösung: Man nimmt einfach dieselbe Stadt nochmal und nummeriert durch. Also zum Beispiel „Dublin 2“. Dublin 2 hat sich aber nicht bewährt. 

Die sich aufdrängende Alternative ist es, die EU zu erweitern. Dann gäbe es neue Städte, nach denen man EU-Abkommen benennen könnte. Was wohl der Inhalt von „Belgrad“ oder „Novi Sad“ sein wird? Oder der von „Tirana“? „Antalya“ kommt wohl vorerst nicht in Frage. Oder aber, man nimmt kleinere Orte, so wie man es mit „Schengen“ ja schonmal probiert hat. Die Collage auf dieser Seite zeigt ein paar mögliche Kandidaten.

Anregungen für Städtenamen kann man sich ansonsten auch in der Kultur holen: Casablanca in Kino, Offenbach im Konzertsaal. Und in den Musik-Charts: New York, Rio, Rosenheim. 

Nicht nur in Politik und Kultur, auch im Sport haben Städte eine große Bedeutung: Leipzig vor Dortmund; Madrid gegen Barcelona; Manchester verkauft an Chicago. Paris gewinnt Kitzbühel.

Man vergisst ganz, dass Städte ja eigentlich Reiseziele sind. Man könnte zum Beispiel nach Norwegen fahren und ein Hammerfest feiern. So wie die Hamburg-Mannheimer in Budapest.
Aber dem steht wohl die italienische Bürokratie im Weg, denn: Alle Wege führen nach Rom.

Dieser Artikel wurde in der Straßenzeitung Zebra (Ausgabe 6/2017) veröffentlicht.
Der Kauf der Zebra lohnt sich meiner Meinung nach sowohl für Käufer (weil die Inhalte wirklich interessant sind) als auch für Verkäufer (weil sie einen Euro vom Verkaufspreis behalten dürfen und einen Zugang zu Arbeitswelt und sozialen Kontakten erhalten). Mehr Infos hier.

Mittwoch, 24. Mai 2017

6 Gründe, warum Radfahren der tollste Sport der Welt ist

1.264 Kilometer habe ich seit Anfang April für den Südtiroler Fahrradwettbewerb gesammelt. Viel zu wenige, wenn man bedenkt, WIE großartig Radfahren ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass Radfahren der tollste Sport der Welt. Warum? Darum:


  1. Jeder kann es
    Ein Kletterer muss schwindelfrei sein, ein Eishockeyspieler muss Schlittschuh laufen können. Radfahren hingegen kann jeder. Wenn man die ersten Meter ohne Stützräder erfolgreich absolviert hat, steht dem schönsten Hobby und der tollsten Sportart der Welt nichts mehr im Wege.



  2. Man kann immer und überall
    Trailrunning auf Asphalt ist langweilig, Schwimmen ohne Wasser ist witzlos, Tennis ohne Tennisplatz ist schwierig – aber Radfahren kann man überall. Im Tal, auf dem Berg, auf Asphalt, auf Schotter, in Skandinavien, auf Sizilien. Wo immer du deinen Urlaub oder dein Wochenende verbringst – eine schöne radelbare Runde findet sich immer. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Radweg.

  3. Die richtige Geschwindigkeit
    Dem Jogger wird am Fluss entlang schnell langweilig, der Autorennfahrer hat den Fluss gar nicht gesehen. Nur der Radfahrer hat die richtige Geschwindigkeit, um viele verschiedene Städte und Landschaften an einem Tag zu sehen und sie trotzdem intensiv wahrnehmen zu können. Er hört Vögel zwitschern und Bäche rauschen, er sieht Rehe am Waldrand und Autofahrer im Stau stehen. Und am Abend fällt er glücklich, zufrieden und frisch geduscht ins Bett.

  4. Jedes Rad ist anders
    Es kann mir keiner erzählen, dass sich Schwimmen anders anfühlt, wenn man die Badehose wechselt. Oder Trailrunning, wenn man die Schuhe wechselt. Aber ob ich auf einem Rennrad das Stilfer Joch hochjage, mit einem Mountainbike zur Naturnser Alm hochkeuche oder auf dem Tourenrad durch den Vinschgau fahre – das sind völlig unterschiedliche Erfahrungen. Und sie machen Radfahren zur vielleicht abwechslungsreichsten Sportart Südtirols und somit der Welt.

  5. Der Passhöhen-Orgasmus
    Wer nie mit dem Fahrrad eine Passstraße erklommen, mit letzter Kraft die Passhöhe erreicht und von einer gewaltigen Hormonausschüttung überrascht wurde, der kann mit der Überschrift wahrscheinlich nichts anfangen. Alle anderen schauen mitleidvoll auf Handballer, Tennisspieler oder Schwimmer, die sich immer nur hin und her bewegen, ohne mittendrin einen wirklichen Höhepunkt zu erreichen.

  6. Die Abfahrts-Belohnung
    Auch ein Wanderer, Kletterer oder Speedhiker erreicht vielleicht eine Art „Gipfel-Orgasmus“. Aber danach muss er den ganzen Scheiß wieder runter. Die armen Knie. Wie viel geiler ist da doch Radfahren: Windjacke an, Sonnenbrille auf, und als Belohnung für die anstrengende Auffahrt folgt eine rasante Abfahrt. Sensationelle Serpentinen statt alternativlosem Abstieg. Wer sich auf dieser rauschenden Abfahrt befindet und seinen 10 kg leichten Untersatz beherzt in die Kurve kippt, der weiß: Radfahren ist der tollste Sport der Welt.


Dieser Artikel wurde zum ersten Mal im Battle of Blogs gepostet.