Montag, 10. Juli 2017

Wenn es um die Wurst geht

Frankfurter, Wiener, Thüringer, Lyoner und Krakauer sind allesamt nette Menschen. Und allesamt essen sie gerne Wurst. Also haben sie meistens Schwein gehabt. 

Currywurst, Bockwurst, Grillwurst, Bratwurst oder Leberwurst? Dem Vegetarier oder der Vegetarierin ist das Wurst, er*sie isst sie alle nicht. Oder ist es ihm*ihr gleichgültig? Die Frage, ob ein Vegetarier Schmetterlinge im Bauch haben kann, wurde bereits ausgiebig erörtert. Aber kann einer Vegetarierin etwas Wurst sein? Kann man ihr eine gewisse Wurstigkeit attestieren? Darf sie bei Gehaltsverhandlungen eine Extrawurst verlangen?

Jeder Hanswurst versteht, dass ein Veganer keine Frankfurter isst. Aber ein Frankfurter kann vegan sein. Und das sogar mit zunehmender Wahrscheinlichkeit: Die Fleischesser nehmen ab. Also sie nehmen wahrscheinlich zu, aber sie werden immer weniger.

Ich bin ja noch in diesem unkomplizierten 20. Jahrhundert aufgewachsen, in dem man noch keine Berechnungsmethode für den CO2-Fußabdruck eines Wienerschnitzels kannte und der Zusammenhang zwischen Rindfleischburger und Regenwaldzerstörung nur in Fachkreisen bekannt war. Dort, wo ich aufgewachsen bin – ich bin Randbayer mit unterfränkischem Migrationshintergrund –, kriegen Kinder beim Dorfmetzger ein Stück Wurst geschenkt; gibt es ein Volksfest namens „Rappacher Wurstfest“; gibt es neuerdings Wurstautomaten; und niemand wundert sich über den Namen Wurstsalat. Wenn man bei mir zu Hause über jemanden sagt, er sei „ein Kerl wie ein Stück Wurst“, dann meint man das anerkennend: Das ist jemand, dem man die Wurst auf dem Brot gönnt, der sich aber zugleich die Wurst nicht vom Brot nehmen lässt.

Während ich mit meinen Wurstfingern über die Tastatur hämmere, stelle ich mir die Frage, ob sich mit zunehmendem Vegetarismus und Veganismus auch die Sprachgewohnheiten anpassen und die Wurst-Wortspiele allmählich aussterben werden. Werden wir in zehn Jahren auf die Frage „Willst du lieber ein Soja-Schnitzel oder lieber eine Seitan-Wurst?“ die Antwort „Das ist mit Tofu!“ erhalten? Ich, meines Zeichens konsequenter Flexitarier, kann es mir irgendwie nicht vorstellen. 

Anderes Beispiel: Conchita Wurst alias Tom Neuwirth hat 2014 für die Fleischhauernation Österreich den Eurovision Song Contest gewonnen. Können Sie sich vorstellen, dass irgendwann einmal ein Tofu den ESC gewinnt? Können Sie sich vorstellen, dass der berühmteste Weißwurstfabrikant Bayerns, Uli Hoeneß, seine Produktion auf Tofuwürste umstellen wird? Fall es wirklich so kommen sollte: Dann geht es den tierischen Fleischerzeugnissen ans Eingemachte. Sprich: Es geht um die Wurst. Denn alles hat ein Ende (und die Wurst hat sogar zwei). 

Nun ist es ja leider so, dass Tofu überhaupt keinen Südtirolbezug hat. Ganz anders als Wurst und Speck. Wenn man schon verbale Ersatzprodukte für die Wurst finden muss, kann man dann nicht zumindest ein anderes Südtiroler Produkt dafür hernehmen? Wie wäre es hiermit: Als Alternative zu „Das ist mir Wurst!“ hat sich ja jugendsprachlich bereits „Das ist mir Latte!“ etabliert. Das italienische Wort Latte heißt bekanntlich Milch. Also warum nicht: „Das ist mir Milch!“

Finden Sie das gut? Finden Sie es schlecht? Oder ist es Ihnen Milch?

Was bist du denn für ein Würstchen?
Dieser Artikel wurde in der Straßenzeitung Zebra (Ausgabe 4/2017) veröffentlicht.
Der Kauf der Zebra lohnt sich meiner Meinung nach sowohl für Käufer (weil die Inhalte wirklich interessant sind) als auch für Verkäufer (weil sie einen Euro vom Verkaufspreis behalten dürfen und einen Zugang zu Arbeitswelt und sozialen Kontakten erhalten). Mehr Infos hier.

Donnerstag, 29. Juni 2017

Das Fahrrad – Mit 200 Jahren im besten Alter

Als Karl Drais im Juni 1817 mit seiner Laufmaschine von Mannheim zum Schwetzinger Relaishaus fuhr, hätte er sicher nicht gedacht, dass er die Basis für ein Verkehrsmittel gelegt hat, dass auch 200 Jahre danach noch eine sehr wichtige Rolle spielt – das Fahrrad 

In den Jahrzehnten nach Karl Drais wurde das Fahrrad kontinuierlich weiterentwickelt: Ab 1862 gab es die ersten Pedalantriebe, ab 1885 löste das Niederrad mit unterschiedlich großen Zahnrädern das unsichere Hochrad ab, ab 1888 gab es Luftreifen und 1898 die erste Gangschaltung. Anfang des 20. Jahrhunderts war das Fahrrad schließlich in vielen Städten das dominierende Verkehrsmittel. Erst mit der Massenmotorisierung und dem Siegeszug des Automobils wurde das Fahrrad von den Straßen verdrängt, es wurden breite asphaltierte Schneisen durch die Städte geschlagen und die Siedlungen konnten sich weit „ins Grüne“ (das nun ja nicht mehr grün ist) ausbreiten, weil mit dem Automobil weitere Pendeldistanzen zurückgelegt werden können.

Seit einigen Jahren erlebt das Zweirad nun eine weltweite Renaissance: Radschnellwege, öffentliche Radverleihsysteme, Fahrradparkhäuser, grüne Wellen für Radfahrer – die Rahmenbedingungen für das emissionsfreie und gesundheitsfördernde Fahrrad werden überall verbessert. Städte auf der ganzen Welt vergleichen mit dem „Copenhagenize-Index“ ihre Fahrradfreundlichkeit, denn sie wissen: Je fahrradfreundlicher wir sind, desto mehr Lebensqualität bieten wir, also desto eher wollen sich Unternehmen und Bürger bei uns ansiedeln. 

Auch das Fahrrad selbst wurde in den letzten Jahren deutlich verbessert: Es gibt nun Elektro-Fahrräder, mit denen auch größere Steigungen kein Problem mehr darstellen und das Büro nicht nur ohne Stau, sondern auch ohne Schweiß erreicht werden kann. Es gibt moderne Cargo-Bikes, mit denen der Einkauf für die ganze Familie ohne Lärm und giftige Abgase nach Hause gebracht werden kann. Es gibt neuerdings Fahrradlichter, deren Leuchtkraft durchaus mit Autos-Scheinwerfern mithalten kann. Es gibt erstmals Fahrradbekleidung und Fahrradhelme, die wirklich chic sind. Cafés, die cool sein wollen, hängen sich Fahrräder an die Wand – und selbst Autowerbung, die ein junges, urbanes Publikum ansprechen will, kommt nicht mehr ohne Fahrräder (als Ausdruck urbaner Coolness, also das, was einmal das Auto war) aus.

Und wo steht Südtirol? Mit seinem gut ausgebauten, etwa 500 Kilometer langen Radwegenetz ist Südtirol auf einem guten (Rad-)weg, das Fahrrad als emissionsfreie Alternative zu etablieren. Natürlich gibt es noch Lücken im Netz, es fehlen vielerorts sichere Abstellanlagen und es fehlt – abgesehen von der Landeshauptstadt Bozen – vor allem eine „Radkultur“, also ein Verständnis dafür, dass ein Radfahrer ein vollwertiger Verkehrsteilnehmer ist und nicht nur jemand, der in seiner Freizeit gerne Berge und Täler erradelt. 

Der Bereich Green Mobility in der STA - Südtiroler Transportstrukturen AG möchte einen Beitrag dazu leisten, dass sich in Südtirol eine Radkultur entwickelt. Deshalb organisiert er gemeinsam mit dem Ökoinstitut Südtirol den Fahrradwettbewerb „Südtirol radelt“, bei dem man auch etwas gewinnen kann, wenn man regelmäßig mit dem Rad fährt. Die STA hat sichere RadlBoxen an den Bahnhöfen initiiert und das Maßnahmenpaket „smart unterwegs“ mit ausgearbeitet, das künftig Förderungen für Fahrradprojekte vorsieht. Außerdem wurde das Aktionslogo „200 Jahre Fahrrad – 200 anni bici“ beauftragt. Alle Akteure in Südtirol dürfen das Logo für ihre Aktionen, Projekte und Veranstaltungen zur Fahrradförderung verwenden, um dem Fahrrad mehr Sichtbarkeit zu verleihen – und um zu zeigen: 200 Jahre nach der Jungfernfahrt von Karl Drais ist das Fahrrad so modern wie noch nie zuvor.

http://www.greenmobility.bz.it/themen/radmobilitaet/
Dieser Artikel wurde Naturschutzblatt des Dachverbands für Natur- und Umweltschutz in Südtirol (Ausgabe 1/2017) veröffentlicht. Mehr Infos hier.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Stadt findet statt

Es sind immer seltener Politiker, die die wichtigen Entscheidungen treffen. Offensichtlich sind es die Städte, die handeln und entscheiden: Stadt findet statt.

Vor langer langer Zeit, als das Freibier noch 1.000 Lire gekostet hat, da waren es noch Politiker (ja, meistens tatsächlich Politiker, Politikerinnen gab es damals noch nicht viele), die wichtige Entscheidungen entschieden haben, die Beschlüsse beschlossen haben, die Geschichte gemacht haben. Napoleon Bonaparte in Paris, Franz Josef in Wien, Otto von Bismarck in Berlin. Es waren einzelne mächtige Menschen, die geherrscht haben – und nach denen alles benannt wurde: Der Code Napoleon, der Kaiserschmarrn, der Bismarck-Hering.

Dann kam die Demokratie. Und mit ihr die Gefahr, abgewählt zu werden, wenn man etwas falsch gemacht hat. Oder wenn man etwas Mutiges gemacht hat, dessen positive Effekte sich erst nach der nächsten Wahl einstellen. Nun kann man entweder aufhören, mutige Beschlüsse zu fassen – oder man hört auf, diese Beschlüsse mit den Namen einzelner Politiker in Verbindung zu bringen. Eine Alternative war schnell gefunden: Städte.

Ja, in der Politik des 21. Jahrhunderts sind es vor allem die Städte, die handeln: Moskau behauptet etwas, Washington widerspricht. London sitzt nicht mehr am Verhandlungstisch. Athen sind von Brüssel die Hände gebunden. 

Auch die Abkommen und Verträge des 21. Jahrhunderts sind nach Städten benannt: Schengen. Dublin. Lissabon. Maastricht. Athen verstößt gegen Maastricht, Stockholm setzt Schengen aus – wie reagiert Berlin?

Trotz der stattlichen Zahl an Städten in der EU gibt es natürlich ein Problem: Irgendwann sind alle Städtenamen aufgebraucht, für weitere Abkommen muss man sich etwas Neues ausdenken. Die naheliegende Lösung: Man nimmt einfach dieselbe Stadt nochmal und nummeriert durch. Also zum Beispiel „Dublin 2“. Dublin 2 hat sich aber nicht bewährt. 

Die sich aufdrängende Alternative ist es, die EU zu erweitern. Dann gäbe es neue Städte, nach denen man EU-Abkommen benennen könnte. Was wohl der Inhalt von „Belgrad“ oder „Novi Sad“ sein wird? Oder der von „Tirana“? „Antalya“ kommt wohl vorerst nicht in Frage. Oder aber, man nimmt kleinere Orte, so wie man es mit „Schengen“ ja schonmal probiert hat. Die Collage auf dieser Seite zeigt ein paar mögliche Kandidaten.

Anregungen für Städtenamen kann man sich ansonsten auch in der Kultur holen: Casablanca in Kino, Offenbach im Konzertsaal. Und in den Musik-Charts: New York, Rio, Rosenheim. 

Nicht nur in Politik und Kultur, auch im Sport haben Städte eine große Bedeutung: Leipzig vor Dortmund; Madrid gegen Barcelona; Manchester verkauft an Chicago. Paris gewinnt Kitzbühel.

Man vergisst ganz, dass Städte ja eigentlich Reiseziele sind. Man könnte zum Beispiel nach Norwegen fahren und ein Hammerfest feiern. So wie die Hamburg-Mannheimer in Budapest.
Aber dem steht wohl die italienische Bürokratie im Weg, denn: Alle Wege führen nach Rom.

Dieser Artikel wurde in der Straßenzeitung Zebra (Ausgabe 6/2017) veröffentlicht.
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Mittwoch, 24. Mai 2017

6 Gründe, warum Radfahren der tollste Sport der Welt ist

1.264 Kilometer habe ich seit Anfang April für den Südtiroler Fahrradwettbewerb gesammelt. Viel zu wenige, wenn man bedenkt, WIE großartig Radfahren ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass Radfahren der tollste Sport der Welt. Warum? Darum:


  1. Jeder kann es
    Ein Kletterer muss schwindelfrei sein, ein Eishockeyspieler muss Schlittschuh laufen können. Radfahren hingegen kann jeder. Wenn man die ersten Meter ohne Stützräder erfolgreich absolviert hat, steht dem schönsten Hobby und der tollsten Sportart der Welt nichts mehr im Wege.



  2. Man kann immer und überall
    Trailrunning auf Asphalt ist langweilig, Schwimmen ohne Wasser ist witzlos, Tennis ohne Tennisplatz ist schwierig – aber Radfahren kann man überall. Im Tal, auf dem Berg, auf Asphalt, auf Schotter, in Skandinavien, auf Sizilien. Wo immer du deinen Urlaub oder dein Wochenende verbringst – eine schöne radelbare Runde findet sich immer. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Radweg.

  3. Die richtige Geschwindigkeit
    Dem Jogger wird am Fluss entlang schnell langweilig, der Autorennfahrer hat den Fluss gar nicht gesehen. Nur der Radfahrer hat die richtige Geschwindigkeit, um viele verschiedene Städte und Landschaften an einem Tag zu sehen und sie trotzdem intensiv wahrnehmen zu können. Er hört Vögel zwitschern und Bäche rauschen, er sieht Rehe am Waldrand und Autofahrer im Stau stehen. Und am Abend fällt er glücklich, zufrieden und frisch geduscht ins Bett.

  4. Jedes Rad ist anders
    Es kann mir keiner erzählen, dass sich Schwimmen anders anfühlt, wenn man die Badehose wechselt. Oder Trailrunning, wenn man die Schuhe wechselt. Aber ob ich auf einem Rennrad das Stilfer Joch hochjage, mit einem Mountainbike zur Naturnser Alm hochkeuche oder auf dem Tourenrad durch den Vinschgau fahre – das sind völlig unterschiedliche Erfahrungen. Und sie machen Radfahren zur vielleicht abwechslungsreichsten Sportart Südtirols und somit der Welt.

  5. Der Passhöhen-Orgasmus
    Wer nie mit dem Fahrrad eine Passstraße erklommen, mit letzter Kraft die Passhöhe erreicht und von einer gewaltigen Hormonausschüttung überrascht wurde, der kann mit der Überschrift wahrscheinlich nichts anfangen. Alle anderen schauen mitleidvoll auf Handballer, Tennisspieler oder Schwimmer, die sich immer nur hin und her bewegen, ohne mittendrin einen wirklichen Höhepunkt zu erreichen.

  6. Die Abfahrts-Belohnung
    Auch ein Wanderer, Kletterer oder Speedhiker erreicht vielleicht eine Art „Gipfel-Orgasmus“. Aber danach muss er den ganzen Scheiß wieder runter. Die armen Knie. Wie viel geiler ist da doch Radfahren: Windjacke an, Sonnenbrille auf, und als Belohnung für die anstrengende Auffahrt folgt eine rasante Abfahrt. Sensationelle Serpentinen statt alternativlosem Abstieg. Wer sich auf dieser rauschenden Abfahrt befindet und seinen 10 kg leichten Untersatz beherzt in die Kurve kippt, der weiß: Radfahren ist der tollste Sport der Welt.


Dieser Text wurde zum ersten Mal im Battle of Blogs gepostet, mein Mitbewohner Fabian hatte behauptet, dass Trailrunning der tollste Sport der Welt ist.

Montag, 22. Mai 2017

Neapel und Umgebung 2017

Der erste Kurzurlaub mit der neuen Kamera ging Ende April nach Neapel und Umgebung. Wie man im Album sieht, gibt's da viel zu sehen (für Bildbeschriftungen die Fotos öffnen und das "i" anklicken).

 Fotalbum Neapel und Umgebung 2017

https://goo.gl/photos/QBERC6Nm4nPfiwUr6

Mittwoch, 22. März 2017

Tatort - Lagerfeuer der Nation und Spiegel der Gesellschaft



Tatort: Sechs Buchstaben, 90 Minuten. 47 Jahre Fernsehgeschichte, 47 Jahre deutsche Geschichte. Über 1.000 Sonntage mit Mord. Als 1970 der erste Tatort lief, war Willy Brandt Bundeskanzler, Jochen Rindt war Formel 1-Weltmeister und 0,5 Liter Bier haben 70 Pfennige gekostet. Das muss lange her sein.

Die deutsche Gesellschaft hat sich stark gewandelt in den letzten Jahrzehnten, und der Tatort als ihr Spiegel hat sich mitgewandelt. Nur so konnte er überleben. Mehr als nur das: Jetzt, wo es kein „Wetten, dass“ mehr gibt, ist der Tatort – neben der Nationalmannschaft – das letzte verbliebene Lagerfeuer der Nation.

Jeder Generation ihr Medium: Den Großeltern das Radio, den Eltern das Fernsehen, uns das Internet – aber alle schauten und schauen wir Tatort. Am Sonntag um 20:15 Uhr. Wie wenn es kein Time-Shift und kein Mediathek-Streaming gäbe. Die Älteren haben sich vielleicht etwas mehr auf die Mörderjagd konzentriert, während wir Jüngeren auch die lustigsten Twitter-Kommentare auf dem Second Screen im Blick haben; unsere Eltern schauen den Tatort in der Regel zu zweit, wir schauen ihn gemeinsam mit Freunden, durchaus auch beim „Public Viewing“ in der Kneipe – selbst die Art, Tatort zu schauen, ist ein Spiegel unserer Gesellschaft und der unterschiedlichen Generationen. Aber am Sonntagabend mit einem Glas Wein in der Hand auf der Couch sitzen und Tatort schauen, das ist und bleibt Deutschland.

Mein Vater war von Anfang an dabei, er hat Timmel 1970 im Taxi nach Leipzig fahren sehen. Ich bin irgendwann in meiner Vor-Abi-Zeit eingestiegen, als mit Bienzle und Palu noch die alte Bundesrepublik das Fernsehprogramm dominierte, mit Ritter/Stark und Dellwo/Sänger aber auch schon das 21. Jahrhundert auf dem Bildschirm Einzug hielt.

Wenn man Sonntag für Sonntag Tatort schaut, merkt man gar nicht, wie sehr die Kriminalfälle den Wandel der Gesellschaft spiegeln. Erst im Rückblick wird klar, wie wir uns verändert haben: Wenn man zum Beispiel einen Schimanski von 1988 schaut und sich wundert, warum er in die Telefonzelle rennt, statt einfach das Handy aus der Tasche zu ziehen.

Wenn man wissen will, wie Deutschland im Jahr X aussah oder aussieht, sollte man einen Tatort aus dem Jahr X schauen. Wunderbare, unterhaltsame Zeitdokumente. Wie schön gemütlich Deutschland und seine Verbrecher früher waren! Heute gibt es hingegen Handys, Internet, Überwachung, Drohnen und künstliche Intelligenz – kein relevantes Thema, das nicht schon mal im Tatort aufgegriffen wurde. Und trotzdem überrascht er immer wieder mit neuen Inhalten. Ein bisschen Sozialkritik darf schon sein. Humor auch. Und Spannung sowieso. Wenn alles zusammenkommt, dann ist es ein guter Tatort. Wenn stattdessen nur wilde Action zu sehen ist, dann ist es ein Til-Schweiger-Tatort.

Das who is who der deutschen Schauspielerei war schon einmal Tatort-Kommissar: Gustl Bayrhammer, Manfred Krug, Götz George, Hannelore Elsner, Jan Josef Liefers, Joachim Król, Nora Tschirner usw. Und weil es anscheinend nicht so viele deutsche Schauspieler gibt, hat Martin Brambach in elf (!) verschiedenen Tatort-Fällen als Nebendarsteller mitgewirkt, bevor er 2016 in Dresden zum Kommissariatsleiter wurde.

Erst 1981 gab es (mit Hanne Wiegand) die erste Frau als Ermittlerin – die später von ihren Kollegen aus dem Job gemobbt wurde. Heute wundert sich niemand mehr über weibliche Ermittler – in Dresden gibt es sogar das erste Frauen-Duo. Dortmund (wo auch sonst?) hat uns mit Nora Dalay alias Aylin Tezel die erste Kommissarin mit türkischem Migrationshintergrund beschert, in Köln (wo auch sonst?) gibt es endlich den ersten bekennenden Homosexuellen. Und von den Einzelkämpfer-Kommissaren haben nur Lindholm und Murot überlebt – im 21. Jahrhundert arbeitet und ermittelt man eben im Team. Der Tatort als Spiegel unserer Gesellschaft.

Das Private und insbesondere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielen im Tatort heute eine viel größere Rolle. Früher ist Bienzle von der Arbeit nach Hause gekommen, hat den Hut und somit die Arbeit an die Garderobe gehängt, von Hannelore gab es Begrüßungskuss und Abendessen und die Welt war wieder in Ordnung. Heute ist Anna Janneke mit ihrer rund-um-die-Uhr-Doppelrolle als Patchwork-Mama und Kommissarin komplett überfordert, und es ist irgendwie überhaupt nichts mehr in Ordnung – der Tatort als Spiegel unserer Gesellschaft.

Der Tatort zeigt nicht nur den Wandel unserer Gesellschaft, er zeigt auch die Vielfalt der deutschen Gesellschaft. Das raue Duisburg von Schimanski und Thanner, das multikulturelle Köln von Ballauf und Schenk, das kühle Kiel von Borowski und Brandt, das verschrobene Franken von Voss und Ringelhahn – das alles ist Deutschland. Der Dialekt der saarländischen Sekretärin, die Fußballbegeisterung von Kossik, der Humor von Thiel und Boerne – das alles ist Deutschland.

Natürlich unterscheidet sich die Qualität von Woche zu Woche. Wenn der Tatort aus Wiesbaden oder Dortmund kommt, dann können auch HBO-Serien nicht mithalten. Wenn Ludwigshafen und Konstanz laufen, kann man sich wenigstens 90 Minuten lang über den schlechten Tatort auslassen. Aber auch wenn der Tatort nicht immer überzeugen kann: Routine tut gut in einer scheinbar aus den Fugen geratenen Welt. 90 Minuten ohne E-Mail-Terror und ohne islamistischen Terror. Einfach nur mit einem Mord und einem Glas Wein. Am Anfang spielt Udo Lindenberg Schlagzeug, und am Ende wird der Mörder gefunden und die Welt ist gerettet. Seit 47 Jahren.

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Dieser Artikel wurde zum ersten Mal im Battle of Blogs gepostet. 

Samstag, 4. März 2017

Themen-Bidet „200 Jahre Fahrrad“


Unsere WG ist um eine Attraktion reicher: Im Badezimmer wurde kürzlich das Themenbidet „200 Jahre Fahrrad“ eingeweiht. Anbei die Beschreibung des Kunstwerks und zwei Fotos.

Ein Bidet symbolisiert Dynamik und zugleich Reinheit. Die Dynamik des fließenden Wassers steht für die Dynamik des fließenden Radverkehrs – im Gegensatz zum im Stau stehenden Autoverkehr. Die Reinheit des Bidets steht für die Reinheit der Luft – so, wie das Bidet den Arsch von Scheiße befreit, befreit das Fahrrad die Luft von Feinstaub und Stickoxiden.

Das Fahrrad steht auf einem Stück Göflaner Marmor. Durch den wertvollen Untergrund erscheint das Fahrrad als wertvolles Denkmal – ein Denkmal der Mobilitätswende, ein Denkmal des Kampfes gegen Verkehrslärm und Klimawandel.

Das ausgewählte gelbe Fahrrad demonstriert die Vielseitigkeit des Verkehrsmittels Fahrrad: Ein Fahrrad ist für viele Zwecke nutzbar, für Einkäufe, für den Arbeitsweg, in der Freizeit – und zum Pizza schneiden.

Anders als Autos brauchen Fahrräder nicht viel Raum. Durch die große Leere im Bidet und die nicht versiegelte Erde wird symbolisiert, wie wenig Raum das Fahrrad im Vergleich zu einem Auto benötigt.

Der Kaktus symbolisiert den stacheligen Weg, der oftmals gegangen werden muss, um die Radmobilität zu fördern. Ein Weg, der lohnt, begangen zu werden.