Dienstag, 2. Januar 2018

Jahresrückblick 2018 – CSU nurmehr in Bayern, Erdoğan in Meran, Gabriel auf dem Mond

Was war dieses 2018 für ein verrücktes Jahr. In drei wichtigen Ländern wurde gewählt: Russland, Italien und Südtirol. In Russland gab es zudem die erste Fußball-WM, bei der der Weltmeister – Deutschland – erst nach der WM gekürt wurde, weil der Finalsieger des Dopings überführt wurde. Und sonst so? Cem Özdemir wurde doch noch deutscher Außenminister, die CSU hat Berlin-Mitte-Verbot erhalten und der Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet wurde endgültig eingestellt.

Mit dem Ende des Steinkohlebergbaus hat Sigmar Gabriel seine letzten Kumpels verloren. Die SPD hat nun endlich erkannt, dass sie im globalisierten und digitalisierten 21. Jahrhundert nur dann eine Daseinsberechtigung hat, wenn sie sich auch als Vertretung der prekär Beschäftigten im Dienstleistungssektor, in der Wissenschaft und in Start-Ups begreift und nicht mehr nur als Vertreter der ohnehin privilegierten Gewerkschaftsmitglieder in der Schwerindustrie. Sigmar Gabriel hat das noch immer nicht erkannt und wurde folglich 2018 mit der ersten Rakete von Elon Musk auf den Mond geschossen. Angeblich, um dort als erster Außenminister überhaupt die politischen Interessen seines Landes zu vertreten. Man vermutet aber einen Komplott von Martin Schulz und Andrea Nahles, um Gabriel endlich loszuwerden.

Wen man auch 2018 nicht losgeworden ist, ist Silvio Berlusconi. Nach unzähligen Regierungswechseln gab es in Italien mal wieder etwas, das es schon länger nicht mehr gab: Wahlen. Das Volk hatte die Wahl zwischen Rechtspopulisten, Komikern (Berlusconi) und Cinque Stelle. Und hat sich so entschieden, dass die beiden Matteos (Renzi und Salvini) jetzt gemeinsam regieren müssen, weil die stärkste Partei – Beppe Grillos Cinque Stelle – mit niemandem regieren will. Somit müssen jetzt links und rechts, EU-Befürworter und EU-Hasser, Vernunft und Populismus, irgendwie gemeinsam regieren.

Weltmeister 2018: Schland
Berlin-Mitte-Verbot für die CSU

Wie viel einfacher ist da doch die sogenannte „Große“ Koalition in Deutschland, die ja letztendlich – und nach lautstarker Kritik aus Griechenland am langsamen Regierungsbildungsprozess und dem hohen Rentenniveau in Deutschland – doch noch zustande gekommen ist. Auslöser war das Machtwort von Martin Schulz: „Mannomannomann, meinetwegen regieren wir halt weiter, aber nicht mit diesem bayerischen Trachtenverein“. Weil Angela Merkel der Machterhalt wichtiger war als der Fraktionsfrieden, hat sie ausgerechnet im Jubiläumsjahr „100 Jahre Freistaat Bayern“ die CSU tatsächlich rausgeschmissen und regiert nun gemeinsam mit SPD und Grünen. Also Kenia statt Bayern, Klimaschutz statt Klientelpolitik und zum ersten Mal ein türkischstämmiger Außenminister. Nach dem Rauswurf der CSU samt Berlin-Mitte-Verbot für alle Mandatsträger hat Horst Seehofer – der dank seines Wissens über die damaligen Vorgänge der Kanzlerin jahrelang auf der Nase rumtanzen konnte – doch noch ausgepackt, in welche Skandale und Skandälchen Angela Merkel zur Regierungszeit Helmut Kohls verwickelt war. Das Kanzleramt durfte Merkel behalten, aber den CDU-Vorsitz musste sie deshalb 2018 abtreten – wobei ihre Wunschkandidatin Ursula von der Leyen in der Kampfabstimmung gegen den Posterboy der Konservativen, Jens Spahn, verloren hat.
Mit dem Ausscheiden der CSU verlor Angela Merkel ihre drei schlechtesten Minister: Gerd Müller wird nun Torwarttrainer beim TSV 1860 München; Christian Schmidt, der gegen besseres Wissen und Gewissen dafür gesorgt hat, dass Glyphosat weiter verwenden werden darf, wechselt als Berater zum Glyphosat-Hersteller Monsanto („Monsanto gehört bald zu Bayer, und ich bin ja auch ein Bayer. So isser, der Schmidt“), wo er sich ein goldenes Näschen verdient; Alexander Dobrindt hingegen bleibt in der Politik – für alles andere ist er schlicht und ergreifend zu blöd.

Hat Berlin-Mitte-Verbot: CSU
FLIRT, KISS und FUCK

Eine große Überraschung gab es 2018 im Mobilitätssektor: FlixBus betreibt nun auch Züge und ging mit seinen grünen „FlixTrains“ an den Start. Nach ÖBB (u.a. München – Wien) und SBB (u.a. Stuttgart – Zürich) gibt es jetzt also einen dritten professionellen und zuverlässigen Anbieter von Fernverkehrszügen in Deutschland. Vorerst setzt FlixTrain Gebrauchtfahrzeuge ein, ist aber Erstbesteller eines neuen Zugtyps von Stadler: Nach FLIRT („flinker leichter innovativer Regional-Triebzug“) und KISS („komfortabler innovativer Spurtstarker S-Bahn-Zug“) stellte der Schweizer Zughersteller 2018 folgerichtig das Modell FUCK („flinker umweltfreundlicher City-Konnektor“) vor. Damit ist die Modellpalette vorerst vollständig – auch wenn die Fachpresse bereits auf das Zugmodell BABY wartet.

Weitere Kurzmeldungen des Jahres 2018
  • Während des Kur-Aufenthalts von Recep Tayyip Erdoğan in Meran wurde das Kreuz auf der Ifingerspitze entfernt, damit der türkische Staatspräsident aus seinem Hotelzimmer ungestört auf den Halbmond blicken konnte.
  • Apple hat einen aufklappbaren Fernseher in Form einer Birne präsentiert. Der Bildschirm des „Pear 1“ kann zweigeteilt werden, sodass Ehepaare mit Bluetooth-Lautsprechern auf den Ohren nun gleichzeitig Tatort und Rosamunde Pilcher schauen können.
  • Was in Katalonien gescheitert ist, könnte in Schottland nun klappen: die Nachfolger von Maria Stuart und Braveheart haben 2018 einen neuen Anlauf zur Unabhängigkeit gestartet.
  • Donald Trump und seine Ehefrau Melania haben sich getrennt. Melania Trump wird eine Affäre mit Wladimir Putin nachgesagt, der die Fußball-WM bekanntlich mit nacktem Oberkörper auf einem weißen Tiger reitend eröffnete und die ehemalige-und-zukünftige Präsidentengattin damit beeindrucken konnte.
Hier muss Melania Trump bald wohnen: Moskau

Donald Trump und das Ehepaar Putin werden uns auch 2019 weiter beschäftigen. Aber jetzt wird erstmal Sylvester gefeiert.


Dieser Artikel wurde zum ersten Mal im Battle of Blogs gepostet.

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Sicher ist sicher

Sicherlich haben Sie in den vergangenen Monaten schon sehr viele Texte über das Thema Sicherheit gelesen und mit Sicherheit haben Sie keine Lust, diesen hier jetzt auch noch lesen zu müssen. Aber um auf Nummer sicher zu gehen, dass sie nichts Wichtiges verpassen, sollten Sie sicherheitshalber noch ein Stück weiterlesen. Sicher ist sicher.

Dank hoher Sicherheitsstandards, Sicherheitsgurt, Sicherheitsabstand und Sicherheitstechnik leben wir heute so sicher wie noch nie zuvor. Dennoch haben wir so viel Angst wie noch nie zuvor. Warum ist das so?

Sicher geben Sie mir Recht, dass man sich ergeben sollte, wenn man mit einer Waffe bedroht wird. Waffen sind wirklich gefährlich. Autos auch. Wütende Ehepartner wahrscheinlich auch. Aber sonst? Muss man wirklich vor allem Angst haben? Es wäre sicher schlauer, wenn wir die mediale Panikmache und die tausenden Warnhinweise um uns herum einfach mal ignorieren würden.

Ein paar der Warnhinweise, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, sind hier abgebildet. Sie befinden sich sozusagen auf der sicheren Seite. Die Schilder berichten aus sicherer Quelle, dass man sich vor Katzen, Kühen und Eisbären in Sicherheit bringen sollte. Vor freilaufenden Menschen sowieso. Und vor gemeingefährlichen Bieraufzügen. Wenn man die Gefahr nicht konkret benennen kann, dann schreibt man einfach „Lebensgefahr“ aufs Schild. Lebensgefahr geht immer.







Ansonsten hat jede Region ihre individuellen Sicherheitsrisiken: In Kroatien wurde ich vor Bodenminen gewarnt, in Kalifornien vor Erdbeben und in Irland vor Schafen. Am meisten gefreut habe ich mich über das Verbotsschild „Riding a bicycle while drunk is prohibited on a mountain!“ in Georgien. Besoffen Fahrradfahren auf einem Berg geht gar nicht, viel zu gefährlich! Besoffen Fahrradfahren im Tal? Scheint OK zu sein.






Wege am Wasser können nass sein, große Überraschung. Und unnötiges Rasten versuche ich bei Bergwanderungen sowieso zu vermeiden – schließlich wäre es ja der Gipfel, wenn man diesen nie erreichen würde. Aber ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen wäre das Leben doch langweilig. Wie sagt schon der angelsächsische Volksmund: No Risk, no fun.




Wenn man den Schilderwahn und die mediale Panikmache ernst nimmt, fragt man sich, ob es überhaupt noch einen Ort gibt, wo man save ist. Sicher gibt es den: Südtirol. Denn nur hier heißt der Abteilungsdirektor im Straßendienst Sicher. Da kann doch gar nichts passieren.

Die ein oder andere Anti-Terrormaßnahme ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sinnlos. Aber sie bringt einen sicheren Listenplatz bei der nächsten Wahl. Womit ich jetzt bei meinem eigentlichen Thema angekommen bin: Der Frage, ob das Gegenteil von Sicherheit eigentlich Gefahr ist – oder Freiheit.

Aber jetzt ist die Seite leider schon voll und ich muss den Text beenden. Ich behaupte jedoch ganz selbstsicher: Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche, dass ich diese sicherheitsrelevante Frage irgendwann erörtern werde.



 

Dieser Artikel wurde in der Straßenzeitung Zebra (Ausgabe November 2017) veröffentlicht.
Der Kauf der Zebra lohnt sich meiner Meinung nach sowohl für Käufer (weil die Inhalte wirklich interessant sind) als auch für Verkäufer (weil sie einen Euro vom Verkaufspreis behalten dürfen und einen Zugang zu Arbeitswelt und sozialen Kontakten erhalten). Mehr Infos hier.

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Tessin und Graubünden mit Bus und Bahn

Italienisch – und trotzdem geordneter Straßenverkehr. Schweiz – und trotzdem entspanntes dolce vita. Das Tessin verhält sich zu Italien wie Kanada zu den USA. 
Graubünden hingegen ist wie Südtirol - nur noch schöner. Und der ÖPNV ist noch besser.
Es gab also genug gute Gründe, mal wieder in die Schweiz zu fahren. Ich habe mit Graubünden Pass und Ticino Ticket die schönsten Bahn- und Postbusstrecken abgegrast, die Wahlheimat von Hermann Hesse besucht - und das ganze in 100 Fotos und Video-Schnipseln zusammengefasst:



Montag, 6. November 2017

Donald Trump, Frank Underwood oder Kevin Spacey: Wer ist eigentlich der Schlimmste?

Ich habe letztes Wochenende die fünfte Staffel von House of Cards fertiggeschaut, ich habe die Spiegel-Titelgeschichte „Zwölf Monate Wut, Verschwörung und Atemlosigkeit“ über Donald Trump gelesen und ich habe verschiedene Beiträge über die unsäglichen Vergehen von Kevin Spacey gesehen und gelesen. Das war zu viel: Ich kann die drei nicht mehr auseinanderhalten.

Was hat jetzt nochmal Trump gemacht, was Underwood und was Spacey? Die drei Arschlöcher verwischen in meinem Kopf zu einem bösen, männlichen, amerikanischen, sexistischen Wutausbruch. Wer war jetzt nochmal der rachsüchtige Präsident, dem es nur um Macht und Machterhalt geht? Trump oder Underwood? Wer war der Sexist, der am liebsten seine eigene Tochter daten würde? Kevin Spacey? Ach so, nein, der ist ja jetzt schwul. Oder war es Frank Underwood, der schwul ist und seinen Radtour-Bodyguard angegraben hat? Oder lief da nur zufällig die Kamera mit und sie haben es dann später in die Serie mit eingebaut, um Kevin Spacey eins auszuwischen? Wer hat die junge Journalistin erst gevögelt und dann vor die U-Bahn geschmissen? Underwood und Spacey können es ja nicht sein, wenn sie schwul sind, also Donald Trump? Dann hätte ja aber Fox News oder Breitbart oder sonst jemand, der zu den Pressekonferenzen im Weißen Haus noch zugelassen ist, darüber berichten müssen. Oder zumindest Tom Hammerschmidt.

Ich weiß wirklich nicht mehr, wer von den dreien der Schlimmste ist: Donald Trump, Frank Underwood oder Kevin Spacey?

Ermitteln wir den „Sieger“ einfach so, wie es allen drei Beteiligten wohl am liebsten wäre: Im Kampf Mann gegen Mann. Jeder gegen jeden.

Runde 1: Frank Underwood gegen Kevin Spacey.

Ich will absolut nicht verharmlosen, was Kevin Spacey getan hat. Er hätte schon viel früher auffliegen und vor seinen Missbrauchsopfern auf die Knie fallen müssen. Aber was bei Kevin (OMG, er heißt wirklich Kevin) Spacey wohl das Ende seiner Karriere bedeutet, ist bei Underwood nur eine kleine Episode in der 5. Staffel, die von all dem in den Schatten gestellt wird, was er sonst so an Verbrechen und Morden begangen hat. In Therapie geht er trotzdem nicht. Frank Underwood ist definitiv böser als Kevin Spacey, klarer Punktsieg für Underwood.

Runde 2: Kevin Spacey gegen Donald Trump.

Das Duell der beiden Präsidenten-Schauspieler. Der eine nur im Fernsehen, der andere leider im echten Weißen Haus. Wer ist böser? Ein Schauspieler, der einen bösen Präsidenten spielt oder ein echter Präsident, der mit Atomkriegen droht? Ein Vergewaltiger, unter dem mehrere Männer leiden mussten – oder ein notorischer Lügner, unter dem die ganze Welt leiden muss? Wohl eindeutig letzteres. Runde 2 geht klar an Donald Trump.

Runde 3: Frank Underwood gegen Donald Trump.

Auf dieses Duell hat die Welt schon lange gewartet. Frank Underwood gegen Donald Trump. Pest gegen Cholera. Eine Erfindung von Netflix gegen denjenigen, der von denjenigen gewählt wurde, die House of Cards für die Realität in Washington halten – und somit House of Cards zur Realität in Washington gemacht haben. 

Beide Präsidenten haben ihr Duell gegen Kevin Spacey gewonnen. Jetzt stehen sie im Finale. Und die Frage lautet: Wer ist der Schlimmere von beiden, Trump oder Underwood?

Trump ist vermutlich der Unberechenbarere von beiden, Underwood ist der Intelligentere. Was in diesem Fall schlecht ist: Wenn Trump so intelligent wäre wie Underwood, wer weiß, welchen menschenverachtenden Unsinn er dann in seinem ersten Amtsjahr schon hätte durchsetzen können. Underwood hingegen geht es ja gar nicht darum, irgendetwas durchzusetzen, ihm geht es nur um Macht. Trump muss man dahingegen zu Gute halten, dass er wenigstens Ziele und Ideen hat. Mögen sie auch noch so krank sein. Während Underwood über Leichen geht, spaziert Trump über Golfplätze. Trump schmeißt Journalisten aus dem Weißen Haus, Underwood schmeißt sie gleich vor die U-Bahn. Die Tatsache, dass Underwood in dem, was er vorhat, erfolgreicher ist als Trump, macht ihn für mich zum Schlimmeren der beiden. Die Grundintention mag ähnlich sein, aber Underwood ist in der Lage, seine Intentionen in Handlungen umzusetzen. Frank Underwood ist für mich die schlimmere der beiden Testosteronbomben, der „Sieg“ geht an ihn.

Immerhin macht Underwood am Ende der fünften Staffel etwas, das Donald Trump auch endlich mal machen sollte. Aber ich will nicht spoilern. Vielleicht gibt es ja Menschen dort draußen, die die fünfte Staffel noch nicht zu Ende geschaut haben. Falls ihr wie ich an der Serienauswahl im italienischen Netflix verzweifelt: ich kann euch die DVDs jetzt ausleihen!

Als ich das Foto gemacht habe, hat da noch George W. Bush gewohnt.
Hätte nicht gedacht, dass ich ihn mal vermissen werde...


Zum Abschluss sei übrigens angemerkt, dass auch Frauen böse sein können. Robin Wright als Claire Underwood in der fünften Staffel: Unglaublich. Das Böse in Person. Da möchte man nicht meinen, dass die mal die Freundin von Forrest Gump war.

Doch, war sie wirklich.

Freitag, 3. November 2017

Dienstag, 31. Oktober 2017

Fahrradgeber

Ich stehe gerne mit Rad und Tat zur Verfügung und gebe euch den Rat: Fahrt Rad!

Wir müssen das Rad zum Glück nicht neu erfinden, denn das hat Karl Drais schon vor 200 Jahren gemacht. Nach 7 Kilometern Jungfernfahrt kam er am Schwetzinger Relaishaus an und hätte sicherlich gesungen „Ja, mir san mim Radl da“, wenn das Lied damals schon jemand erfunden gehabt hätte. Aber immerhin war nun das Fahrrad erfunden.

Fahr-Rad. Was für ein komischer Name für ein neues Verkehrsmittel. Wie wenn die römischen Fuhrwerke 2.000 Jahren vorher nicht auch schon mit Rad gefahren wären. Vielleicht sagen die Schweizer deshalb statt Fahrrad lieber „Velo“. Was übrigens aus denselben Buchstaben besteht wie „Love“, also Liebe. Fahrrad und Liebe hängen scheinbar irgendwie miteinander zusammen (hat das Fahrrad deshalb einen Ständer? Gibt es deshalb so etwas wie einen „Passhöhen-Orgasmus“?). Aber muss man sein Fahrrad gleich lieben, um ein Fahrrad-Liebhaber zu sein? Und darf man es dann überhaupt noch fahren? Schließlich heißt es ja: Wer sein Rad liebt, der schiebt. Immer nur schieben macht natürlich genauso wenig Sinn, wie ein großes Rad zu drehen. Ein Fahrrad muss man fahren, das sagt doch schon der Name!

Dass das Fahrrad lange nicht in Mode war, erkennt man bereits an den furchtbaren Synonymen: Stahlross, Drahtesel, Eierschaukel. Und was sind laut www.duden.de häufige Adjektivverbindungen zu „Fahrrad“? Herrenlos, kaputt, rostig, klapprig. Hm. Da wollen wir besser nicht das Rad der Geschichte zurückdrehen in die autogerechten Nachkriegsjahrzehnte, als das Fahrrad quasi das fünfte Rad am Wagen war. Hätte, hätte, Fahrradkette… Wir blicken lieber in die Zukunft, die selbstverständlich dem emissionsfreien, sozialverträglichen und gesundheitsfördernden Fahrrad gehört. Kommt Zeit, kommt Rad. Die Zebra wird dann keine Straßenzeitung mehr sein, sondern eine Radwegzeitung. Und wir werden uns nur noch von gesunden Dingen ernähren, die mit „Rad“ beginnen: Radicchio, Radieschen, Radi.

Wortklauberisch könnte man ja behaupten, dass sich alle anderen Verkehrsmittel irgendwie vom Fahrrad ableiten. Die elektrische Eisenbahn? Fährt nur dank Fahrdraht. Klingt doch irgendwie nach „fahrt Rad!“. Das Auto? Ist ein Faradayischer Käfig. Also wie ein Fahr(r)ad, nur sitzt man halt im Käfig. Und wer sitzt schon gerne im Käfig – also rauf aufs Rad! Es ist schließlich besser, sich auf den Sattel zu schwingen als unter die Räder zu kommen.

Ja ok, Fahrdraht und Faraday sind weit hergeholt. Vielleicht hab ich einfach ein Rad ab. Aber lieber ein Rad abhaben als ein Rad geklaut kriegen! Ist das Rad erstmal geklaut, dann ist man ziemlich radlos. Und ein neuer Radweg ist mir allemal lieber als ein neues Rad weg.

Gottes Radwege sind natürlich unergründlich, aber ich bin mir sicher: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Fahrradweg!

Kommt Zeit, kommt Rad.
Dieser Artikel wurde in der Straßenzeitung Zebra (Ausgabe September 2017) veröffentlicht.
Der Kauf der Zebra lohnt sich meiner Meinung nach sowohl für Käufer (weil die Inhalte wirklich interessant sind) als auch für Verkäufer (weil sie einen Euro vom Verkaufspreis behalten dürfen und einen Zugang zu Arbeitswelt und sozialen Kontakten erhalten). Mehr Infos hier



Passend zum Thema unser Green Mobility-Fahrradvideo:

Dienstag, 3. Oktober 2017

Warum die Unabhängigkeit Kataloniens ein Blödsinn ist

90 Minuten lang hat Emmanuel Macron letzten Dienstag eine mutige Zukunft Europas skizziert. Mit einer europäischen Armee. Einer europäischen Finanz- und Wirtschaftsunion. Einer europäischen Asylbehörde. Klingt alles ziemlich vernünftig. Eine katalonische Armee wäre hingegen ein ziemlicher Blödsinn.

Katalonien ruft den katalanischen Staat innerhalb der Republik Spanien aus. Damit wird eine Spirale der Gewalt ausgelöst, die zwei Jahre später im Bürgerkrieg endet. Am Ende gibt es einen Diktator.

Das war 1934 (bis 1939). Aber Geschichte wiederholt sich ja bekanntlich. Und weil Katalonien mit dem seit 1978 gültigen Autonomiestatut unzufrieden ist (und eine Ausweitung 2010 aufgrund einer Klage der rechtskonservativen Partei von Mariano Rajoy gescheitert ist), begeht die stolze Teilrepublik jetzt die Dummheit, mit einer undemokratischen Abstimmung (oder wie sollte man eine verbotene Abstimmung ohne Wählerlisten sonst nennen?) ganz Spanien, wenn nicht gar die gesamte Europäische Union, ins Chaos zu stürzen. Statt einfach abzuwarten, bis Rajoy nichts mehr zu melden hat und in Madrid wieder eine vernünftige (sozialistische) Regierung regiert, regiert nun vermutlich bald die Anarchie. Aber damit kennt man sich in Barcelona ja aus: 1936-1939 war Katalonien Schauplatz der einzigen (zeitweise) geglückten anarchistischen Revolution in der Europäischen Geschichte. Sagt zumindest Prof. Wikipedia, der muss es wissen.

Katalonien ist bekanntlich nicht die einzige aufmüpfige spanische Teilrepublik. Who’s next? Wer hat noch nicht Unabhängigkeit, wer will nochmal? Galizien? Baskenland? Balearen? Kanaren? Sollen die dann alle EU-Mitgliedsländer und Euroländer werden? Das ist doch Schwachsinn! Können wir uns nicht einfach darauf einigen, dass in Zukunft die wichtigen Entscheidungen auf europäischer Ebene getroffen werden (und zwar von einem demokratisch gewählten Europäischen Parlament, nicht vom merkelesken Rat der nationalen Befindlichkeiten) und die für die einzelnen Regionen wichtigen Dinge direkt in den Regionen entschieden werden? Die Nationalstaaten, diese seltsame aus der globalisierten Zeit gefallene Erfindung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, behalten eine wichtige Koordinations- und Kommunikationsfunktion, aber sie geben „Macht“ nach oben und unten ab, um Teil eines starken, glokalisierten Europas sein zu können. Ein Europa der Regionen, das nicht – wie sich das Volker Kauder wünscht – deutsch spricht. Und das nicht – wie es derzeit der Fall ist – französisch spricht. Sondern das auch flämisch, katalonisch und korsisch spricht und die Interessen ALLER Bürgerinnen und Bürger beherzigt und vertritt.

Liebe kack-konservative spanische Zentralregierung: Wenn Katalonien Stierkämpfe verbieten will, dann soll Katalonien Stierkämpfe verbieten dürfen. Und wenn das Baskenland eine Finanzautonomie hat, dann sollte das für Katalonien doch auch möglich sein. Lasst die Katalonier ihre Sprache lernen und lehren. Nehmt sie ernst. Und hetzt nicht bewaffnete Polizisten auf sie. Sie sind schließlich eure Landsleute. Und das sollten sie auch bleiben.

Alles andere wäre ein Blödsinn.


Ein Referendum mit der Wahl zwischen Pest und Colera? Letzteres liegt auf jeden Fall in Katalonien.

Dieser Artikel wurde zum ersten Mal im Battle of Blogs gepostet.