Donnerstag, 13. Dezember 2018

Fotoalbum Skandinavien (Skandinavien 6)

https://photos.app.goo.gl/z8qeB6hYTsrqAg4m6

Zwei Reisen haben mich 2018 nach Skandinavien geführt: im Mai/Juni nach Stockholm und Uppsala, im August nach Mittelschweden und Norwegen. Ein paar Details zu den einzelnen Reisen findet ihr in den folgenden Blog-Beiträgen, eine Zusammenfassung in 300 Fotos/Videos findet ihr hier.

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Samstag, 3. November 2018

Norwegen (Skandinavien 5)


Lofoten


Fast 400 Kilometer lang ist die Straße von Narvik bis ans Ende der Welt, der bequeme Bus braucht dafür etwa 7 ½ Stunden. Die Straße ist gut ausgebaut und verbindet verschiedene Inseln miteinander, ohne dass man auch nur einmal auf eine Fähre wechseln müsste: Über hohe Brücken und durch tiefe Tunnels, vorbei an hübschen Buchten und schroffen Felswänden wird die Straße allmählich schmaler, bis sie in Å schließlich ganz endet. Der letzte auf der Straße erreichbare Ort der Lofoten heißt so wie der letzte Buchstabe im norwegischen Alphabet. Hier stehen ein paar hübsche Holzhäuser auf instabil wirkenden Holzstämmen. Das Ganze erinnert eher an Mikado als an irgendeinen anderen Ort, in dem man schonmal gewesen wäre. Ein Fischereimuseum und ein Stockfischmuseum, ein Restaurant und zwei Cafés locken Gäste an. Als wir ankommen, sind die meisten Tagesbesucher aber schon verschwunden und im Ortszentrum nur noch der Hier-findet-man-alles-Laden geöffnet. Was auch immer man als (Rucksack-)Reisender am Ende der Welt vergessen haben könnte, in diesem Laden findet man es: Nudelsauce, Ersatzbatterien, Gas-Katuschen, Zahnpasta – und natürlich warme Pullis und Mützen. Hier ist es nämlich echt verdammt kalt. Zum Glück habe ich Winterjacke, Stirnband und Handschuhe dabei, sie kommen an diesem 12. August zum Einsatz.

Die Möwen kreischen, der Wind pfeift, der Fisch riecht. Und es will einfach nicht dunkel werden. Das Ende der Welt haben wir erreicht, das Ende des Tages lässt noch auf sich warten. Die Lofoten wachsen uns schnell ans Herz. Die Begeisterung der Italiener für das Stockfisch-Museum unter unserem Jugendherbergszimmer teilen wir nicht, aber die Liebe vieler Norwegenurlauber zu den Lofoten können wir sehr schnell nachvollziehen.



Norwegen und der Kaffee

„Kafé denne vei“ steht in gelben Buchstaben auf der Digitalanzeige, die ansonsten Name und Seehöhe des nächsten Bahnhofs entlang der Nordlandbahn ankündigt. „Kaffee in diese Richtung.“ Ein Blick auf die Digitalanzeige am anderen Ende des Waggons: Dort steht „Kafé motsatt vei“, Kaffee in die andere Richtung. Natürlich gibt es im Speisewagen eine große Auswahl an Speisen und Getränken, aber angelockt werden die Fahrgäste mit der Aussicht auf ein koffeinhaltiges Heißgetränk. 

So schwer es ist, in Skandinavien an Alkohol zu kommen, so leicht ist es, an Kaffee zu kommen. Ein großer Teil der Skandinavier scheint regelrecht koffeinsüchtig zu sein und kippt die schwarze Brühe literweise in sich hinein – ich bin also nicht allein. Einen Kaffee kaufen bedeutet meist, einen leeren Becher bzw. eine leere Tasse zu „kaufen“, den oder die man dann an einer Thermoskanne nach Belieben füllen kann. Gerne auch mehrmals. In Pro-Kopf-Kaffeekonsum-Statistiken stehen die skandinavischen Länder immer ganz oben, so wie in allen anderen Rankings von Lebensqualität bis Gleichberechtigung ja auch. Es ist davon auszugehen, dass skandinavische Winter ohne literweise Kaffee nicht auszuhalten wären. Und es ist natürlich davon auszugehen, dass der Kaffee, den ich gerade mit Blick auf den Ranafjord genieße, nicht der letzte der Reise sein wird.


Norwegen und das Öl

Ein Pazifist, der Waffen verkauft, ist irgendwie unlogisch. Aber was ist meinem Umweltschützer, der Öl verkauft? Eigentlich auch unlogisch. Norwegen ist also unlogisch. Das Land erzeugt seinen Strom größtenteils aus Wasserkraft, ist weltweiter Vorreiter beim Thema Elektromobilität, ja lässt sogar Fährschiffe mit Strom und Gas fahren – und dann exportiert es pro Jahr 1,4 Mio. Barrel Erdöl, dessen Verbrennung den Klimawandel beschleunigt. 

Anders als in anderen Erdöl exportierenden Ländern scheint es in Norwegen zu gelingen, große Teile der Bevölkerung an den Gewinnen der (staatseigenen) Erdölindustrie teilhaben zu lassen: Sie fließen zu 96 % in den staatlichen Rentenfonds, der dadurch zum größten Staatsfonds der Welt wurde. So weit, so vorbildlich. 


Im Ölmuseum in Stavanger wird nicht nur erklärt, wie das Öl in der Nordsee gefördert wird und wer davon profitiert, sondern auch, welchen Schade das Öl (anderswo) anrichtet. Den Austellungsteil über Klimawandel und Umweltschutz gäbe es in vergleichbaren Museen in den USA oder Saudi-Arabien vermutlich nicht. Und dennoch: Es ist auch interessant, worüber das sehenswerte Museum NICHT berichtet. Kein Wort zu Öllecks auf hoher See, versenkten Ölplattformen und den Auswirkungen der Exploration neuer Öl- und Gasfelder auf die Meeresfauna. Der Mensch, der auf den Ölplattformen arbeitet, nimmt im Museum deutlich mehr Raum ein als das Tier, das darunter durchschwimmt. Aber ein Pazifist, der selber Krieg gegen Tiere führt – als solchen will man sich im Museum dann doch nicht darstellen. Man belässt es beim Umweltschützer, der Erdöl exportiert.




Norwegen und das Wasser

Wer in Norwegen wandert, der wird nass. Ob auf den Lofoten, auf dem Weg zum Preikestolen oder oberhalb von Bergen: Wir haben nicht nur Wasser gesehen, wir haben es auch gespürt. So deutlich, dass uns allmählich die trockenen Klamotten ausgegangen sind. Und wir folglich auf eine erneute Regenwanderung entlang der Hardangervidda verzichtet haben. Aber bei allem Unmut über das Wetter mit seinen gefährlichen Auswirkungen (unter dem nassen Fels auf den Lofoten wird meine Schulter noch mehrere Wochen lang leiden): Wandern in Norwegen ist grandios! Von unserem abenteuerlichen, kaum markierten Matschpfad auf den Lofoten über die von nepalesischen Sherpas ausgebaute Wanderautobahn zum Preikestolen bis hin zu den Naherholungsgebiet-Schotterwegen auf dem Fløyen: Wir hatten Spaß. Wofür zum Teil nicht nur die grandiose Landschaft gesorgt hat, sondern auch das Verhalten der Mitmenschen. Beispiel Preikestolen: Es war schon irgendwie lustig, wie sich alle in das Abenteuer „trotz Dauerregen zum Preikstolen wandern“ stürzen – und dann der Reihe nach abbrechen. Die (vor)lauten Italiener kapitulieren nach 200 m, die trägen Spanier nach 400 m; die unhöflichen Asiaten mit ihren glatten Schuhen nach 1,5 km; die orientierungslosen Russen verlaufen sich nach 2 km (geben es gegenüber einer Frau aber nicht zu). Nach 4 km sind fast nur noch Deutsche und Norweger übrig und teilen sich die bekannte Plattform über dem Fjord. Die zwar kleiner ist als im Prospekt, aber auf alle Fälle alle Mühen wert. An diesem einen Tag im Jahr zahlt es sich endlich mal aus, dass wir Deutsche immer in Outdoor-Kleidung unterwegs sind. Den Rest des Jahres können sich die schicken Italiener dann gerne wieder über unsere Outdoorjacken lustig machen - heute können wir mal sie auslachen.









Norwegens größte Städte...

...Bergen und Oslo werden durch die Bergenbahn miteinander verbunden, die verständlicherweise in keinem Ranking der schönsten Bahnstrecken Europas/der Welt fehlt. Das Abschluss-Video zeigt ein paar Eindrücke der letzten zwei Urlaubstage und der zwei größten Städte des Landes:




Mittwoch, 31. Oktober 2018

Inlandsbahn (Skandinavien 4)


Göteborg – Mora

Die Lokomotivführerin ist genauso hübsch wie die Lokomotive. Und deutlich jünger. Inmitten der modernen Triebzüge, die vom Hauptbahnhof von Göteborg in den Tag starten, ist der lokbespannte und fast schon historische Zug Richtung Mora ein echter Paradiesvogel. Einer, auf den ich mich zu Recht gefreut habe. 589 Kilometer werde ich nun im supergemütlichen Uraltwaggon über Kristinehamn bis nach Mora zurücklegen. Heute Nachmittag geht es von Mora dann weitere 320 Kilometer bis nach Östersund. Von dort werden mich dann nurmehr 746 Kilometer vom nördlichen Ende der Inlandsbahn in Gällivare trennen. Vor mir liegen also 1.655 Kilometer Vergnügen auf zwei Schienen. Stieg Larsson im Ohr, meine Kamera in der Hand, Wälder und Seen vor dem Fenster: Los geht sie, die Reise auf der Inlandsbahn.




Mora - Östersund

96.000 Seen gibt es in Schweden. Ziemlich viele davon habe ich heute gesehen, darunter den größten (Vänernsee) und einen der bekanntesten (Siljansee). Aktuell zieht der Storsjönsee, der fünftgrößte See des Landes, am Zugfenster vorbei. Im Hintergrund geht allmählich die Sonne unter. Seen, Felsen, Flechten, Moos, Nadelbäume, Birken, Holzhäuser und Holztransporter – so, wie man sich Mittelschweden immer vorgestellt hat, so sieht es tatsächlich aus. Und alles, was man vorher über die Inlandsbahn gelesen hat, trifft auch zu. Inklusive der Tatsache, dass das Abendessen schon Stunden vorher ausgewählt und bestellt werden kann. Bei unserer Ankunft in Åsarna – auf die Minute pünktlich um 18:21h – gab es dann in der Tat keine langen Wartezeiten, sondern leckeren Halloumiburger.


So wie die heutige Fahrt mit der Inlandsbahn stelle ich mir eine Kreuzfahrt vor: Der unterhaltsame Animateur gibt Infos zu Streckenverlauf und Aufenthaltszeiten; der bärtige, pfeifenrauchende Lokführer könnte auch ein Seemann sein; einige der Mitreisenden waren schon Rentner, als ich auf die Welt kam; man kann jederzeit Kaffee (was wäre Schweden ohne Thermoskannen?) und Snacks ordern (und selbstredend bargeldlos zahlen). Und während die Fahrgäste auf Landgang sind und etwas essen, wartet der Triebwagen draußen am Anleger, äh, Bahnsteig.


Die Fahrt ist lang, aber dank Entertainment nicht langweilig. Auf Schwedisch und Englisch gibt der Zugbegleiter regelmäßig Geschichte und Geschichten zu den Orten entlang der Strecke bekannt. Aber auch zum Zug und zur Strecke selbst. Zum Beispiel, dass bei den Dieseltriebwagen irgendwann die ursprünglichen FIAT-Motoren durch leistungsfähigere Volvo-Motoren ersetzt wurden.

Die gemütliche und entspannte Fahrt auf dieser wunderbaren Strecke, die dank begeisterter Bahnenthusiasten und engagierter Anrainer nie stillgelegt wurde, kann wärmstens empfohlen werden. Das Ganze erinnert mich an Bahnreisen, die ich in Kanada und Russland unternommen habe. Dort gab es aber jeweils keine Rentiere – und keine Fotostopps auf sehenswerten Brücken. Außerdem ist der Zug dort jeweils die Nacht durchgefahren, während ich in Östersund nun zwei Nächte und einen Wandertag verbringen werde.



Östersund - Gällivare

Als der Zug um 18:09h am Polarkreis stoppt, ist die Reise schon fast beendet. Mit weiß gestrichenen Steinen und einem überdimensionierten Infoplakat wird der aktuelle Verlauf des Polarkreises angezeigt; mit einem kleinen Metallbahnsteig („Ausstieg vorne rechts“) wird der Ausstieg erleichtert; mit einem vom Zugbegleiter unterschriebenen Zertifikat wird bestätigt, dass man den Polarkreis überquert hat.




Während der zwei Tage an Bord habe ich ein Gefühl dafür bekommen, wie groß Schweden ist. Und was für eine Herausforderung es gewesen sein muss, diese Strecke zu bauen. Zwei Tage Fahrzeit sind ja gar nichts im Vergleich zu 30 Jahren Bauzeit: Von 1907 bis 1937 war man damit beschäftigt, Land zu entwässern, Dämme zu bauen und Gleise zu verlegen. Als die Bahn dann endlich fertig war, war das Auto schon da. Die Blütezeit der Inlandbahn war also recht kurz. Und der wichtigste Fahrgast war die deutsche Wehrmacht: Das ach so neutrale Schweden (seit 1809 keine offizielle Kriegsbeteiligung mehr, das toppt in Europa nur die Schweiz) hat es zwischen 1940 und 1943 immerhin 2 Mio. deutschen Soldaten und ihrem Material ermöglicht, mit der Inlandsbahn Richtung Norwegen und Finnland zu gelangen.

Heute kommen die Deutschen als Touristen in den Norden, wenig überraschend stellen sie auch auf der Inlandsbahn eine der größten Sprachgruppen. Ich „erfreue“ mich also an heimatlichen Lauten, diskutiere mit Schwaben über den Unsinn namens Stuttgart 21 und lasse mir von ex-Berlinern spannende Anekdoten aus alten West-Berliner Zeiten erzählen. Jeder, der einmal in Berlin gewohnt hat, scheint das Gefühl zu haben, in einer Zeit in Berlin gewohnt zu haben, in der die Stadt deutlich spannender und interessanter war als heute. Da nehme ich mich selbst nicht aus (Erstwohnsitz Berlin: 2005-2012).

Während im Sommer 2018 in Berlin, Südtirol, Lissabon und anderswo über „Overtourism“ und die Grenzen der Belastbarkeit gesprochen wird, scheint in Lappland die Welt noch in Ordnung zu sein. Diese menschenleere Moos-und-Waldlandschaft könnte glatt als 11. Provinz Kanadas durchgehen. Aus den unendlich großen Waldmassen vor den Fenstern der Indlansbahn lassen sich viele IKEA-Möbel zusammenbauen. Sehr viele. Die wellenförmigen Wolken faszinieren mich genauso wie bei meinem ersten Lappland-Besuch im Jahr 2004.


Es ist schon dunkel, als der Zug – selbstverständlich pünktlich – in Gällivare ankommt. Seit Mora bin ich an 55 Unterwegsbahnhöfen vorbeigekommen. Die meisten irgendwo im Nirgendwo, manchmal stieg tatsächlich mal jemand ein oder aus, aber nur äußerst selten Einheimische. Viele Orte wurden einst durch die Eisenbahn belebt, aber in den letzten Jahrzehnten ist die Einwohnerzahl der meisten Unterweggemeinden stark gesunken.




Ein paar verrostete Waggons hier und da, aber zwischen Mora und Gällivare kam nur ein einziges Mal ein Gegenzug – Meeting Point war am Eisenbahnmuseum in Sorsele.




Ich habe zwei Straße-Schiene-Kombibrücken überquert, einen einzigen 50 m langen Tunnel durchfahren, eine Rentierherde und einen Elch gesichtet. Nun bin ich am Ende der Reise mit der Inlandsbahn angelangt. Der folgende Film fasst die zwei Tage Fahrt in sechs Minuten zusammen:


Gällivare

Hätte es eines letzten Beweises bedurft, dass ich versehentlich in Kanada gelandet bin, here we go: Ham and eggs am Frühstücksbuffet; vor dem Fenster eine in dichten Nebel gehüllte amerikanische Vorstadtlandschaft mit dicken Autos, breiten Straßen und Einfamilienhäusern; ansonsten: Nichts. Außer der Tankstelle an der Hauptstraße. Die hat rund um die Uhr geöffnet und sie ist so etwas wie das soziale Zentrum der Gemeinde.



Gällivare ist nicht nur Verkehrsknotenpunkt, sondern auch der Standort von Eisenerzgruben und -verarbeitungsanlagen. Das riecht man. Und erkennt man indirekt daran, dass der Ort zum Teil umgesiedelt und neu erbaut wurde. Aus der Größe der Häuser und Autos kann man schließen, dass in den Bergwerken gut verdient wird. Dass die Lebenshaltungskosten hier oben sehr hoch sind, erkennt man auch daran, dass das Bed&Breakfast in Gällivare die teuerste Unterkunft meiner Reise ist. Wer keinen der gut bezahlten Bergwerk-Jobs hat, sollte sich lieber einen anderen Job suchen. Oder gleich einen anderen Wohnort. Irgendwo, wo die Luftqualität besser ist und die Temperaturen höher sind. Also irgendwo weiter südlich.

Abschließend ein kurzer Foto-Streifzug von Süd nach Nord entlang der Inlandsbahn: