Montag, 4. Juni 2018

Eine Reise nach Schweden ist eine Reise in die Zukunft

"We are better than yesterday, but not as good as tomorrow"

Ankunft in Stockholm am frühen Morgen. Selbstverständlich pünktlich. In einem Nachtzug, in dem man sich fragt: Warum sind deutsche Nachtzüge nicht so bequem? Warum sind Personal und Mitreisende in deutschen Nachtzügen nicht so freundlich? Und vor allem: Warum gibt es eigentlich fast keine deutschen Nachtzüge mehr?

Der erste Gang führt in die Bahnhofstoilette. Nicht zum Geldautomaten. Man kann die Toilettengebühr nämlich mit Kreditkarte zahlen. So wie ALLES in Schweden, egal ob Kaffee, Knäckebrot oder Köttbullar (Obdachlosen-Zeitungen und Prostituierte vermutlich auch, habe ich aber nicht ausprobiert). Ich werde in den folgenden sieben Tagen nicht eine einzige schwedische Krone in der Hand halten.

Im Toilettenareal versuche ich zu verstehen, wo die Männer-Kabinen sind. Ergebnis: Es gibt keine. Die Toilette im Hauptbahnhof von Stockholm unterscheidet nicht zwischen Männern, Frauen und sonstigen Geschlechtern. Was irgendwie modern ist, aber schon auch ungewöhnlich. Ich finde es komisch, dass ich das komisch finde. Da hält man sich für einen modernen, aufgeklärten, gender-sensiblen Menschen – und dann ist man überrascht, dass man sich in Stockholm im Bahnhof direkt neben einer Frau die Zähne putzt.

Kurz darauf ist das Gepäck bargeldlos verstaut und ich warte auf einem Bahnsteig am Stadtrand auf einen Vorortzug Richtung Schärengarten. Neben dem Bahnsteig verläuft ein hervorragend ausgebauter Radschnellweg, auf dem ganz oft das vorbeiradelt, was man in Deutschland „Karrierefrau“ nennt. In Schweden nennt man das: „Frau“. Hier ist es völlig normal, dass Frauen Karriere machen – und trotzdem Kinder haben. Kinder radeln auch viele an mir vorbei – meist auf den (Lasten-)Fahrrädern, die von ihrem Papa gefahren werden. Verkehrte Welt? Oder doch einfach nur: die Zukunft.

Der Vorortzug fährt ein. Gefahren wird er von einer Frau. Der Schaffner ist ein Mann. Und wieder finde ich es komisch, dass ich das komisch finde. Wie oft hat man das in Deutschland oder Italien schon gesehen, dass eine Frau den Zug fährt und ein Mann die Tickets knipst? Eben. Wobei in Schweden natürlich keine Tickets mehr geknipst werden, sondern Chipkarten ausgelesen – und zwar in Sekundenbruchteilen. Ich achte auf die Werbeplakate im Zug: Ja, auch dort sind es Frauen, die für hochwertige Produkte werben. Und zwar im Business-Dress Seriosität ausstrahlend, nicht halbnackt niedere Instinkte ansprechend.

In den Stockholmer U-Bahnen fällt mir auf, dass dort sehr viele Teenager sitzen. Macht aber auch Sinn, schließlich waren mir bei meinem ersten Besuch in Stockholm vor 14 Jahren die vielen schwangeren Frauen aufgefallen. Was mir vor 14 Jahren auch aufgefallen war: man konnte landesweit überall Nummern ziehen und bequem auf den Aufruf warten, statt ewig in unterschiedlich schnellen Warteschlangen stehen zu müssen; und es gab von Marmelade bis Rentierfleisch alles in praktischen Tuben, ohne dass man am Ende mühsam leere Gläser auskratzen musste. Die Wartenummern haben sich weiter südlich mittlerweile auch etabliert, auf die Marmeladetuben warte ich noch immer. Mal schauen, wie lange Unisextoiletten und Bargeldlosigkeit für den Weg in den Süden brauchen.

Für den Weg von Stockholm nach Uppsala braucht man nur etwa 40 Minuten. In Uppsala besuche ich eine Konferenz, auf der drei Tage lang Projekte zur nachhaltigen Mobilität vorgestellt und diskutiert werden. Es sind vor allem die Exkursionen und die Vorträge schwedischer Referentinnen, die mich begeistern. „We are better than yesterday, but not as good as tomorrow”, bringt Anna Fahlkrans, Leiterin des Zukunftslabors „SJ Labs” der Schwedischen Eisenbahn, den nordischen Optimismus auf den Punkt. Im Vortrag hat sie unter anderem darüber referiert, dass in Schweden unter die Haut implementierte Mikrochips als Fahrschein funktionieren. Per Kongress-App wurde das Publikum anschließend befragt, wer sich so einen Chip implementieren lassen würde. In Echtzeit wurde das Ergebnis aufs Display projiziert – ich konservativer, mit nein stimmender Bedenkenträger gehöre zur 2/3-Mehrheit.

Nicht nur digital, auch analog kann man sich in Schweden einiges abschauen. Ob Design, Architektur oder nachhaltige Mobilität – die Schweden sind uns genauso viel voraus wie die Niederländer, aber sie posaunen es nicht ständig in der ganzen Welt herum. So zumindest mein Eindruck nach einer Woche Ikealand.

Beispiel Neubaugebiete: Die sehen in Schweden eigentlich genauso aus wie in Deutschland. Nur dass es statt Parkplätzen Kinderspielplätze gibt. Und schon sehen sie doch komplett anders aus. Die Schweden räumen ihren Kindern also mehr Platz ein als ihren Autos. Wenn man aus Deutschland kommt, findet man auch das komisch. Das Auto darf nicht am Haus geparkt werden, sondern – neben elektrischen Carsharing- und Bikesharing-Fahrzeugen - im 200 Meter entfernten Mobility Hub: „So haben sie 200 Meter lang Zeit, darüber nachzudenken, ob das eigene Auto wirklich die sinnvollste Wahl ist.“ Schließlich parkt das (Lasten-)Fahrrad direkt vor der Haustür. Eine Straßenbahn wird in Uppsala noch gebaut, die Busse fahren bereits heute mit Batterie, Biogas oder Biodiesel – schließlich will die Stadt ja bis 2030 komplett „fossil-free“ sein. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass sie das auch schaffen wird.

Die Verpflegung auf der Konferenz war übrigens konsequent vegetarisch – und verdammt lecker. Beim regional-saisonalen mehrgängigen Abschlussdinner wurde uns vorgerechnet, dass dieses nur 0,5 kg CO2 pro Person und somit nur etwa 10 % eines „normalen“ Konferenz-Abschlussdinners verursacht hat. Nach einer Woche in Schweden habe ich das gute Gefühl, dass unser Planet doch noch gerettet werden kann. Die Welt muss einfach nur ein bisschen schwedischer werden.

Zurück in Deutschland strande ich am Bahnhof von Puttgarden. Aus den angekündigten 70 Minuten Verspätung werden 84, der Nachtzug gen Süden wartet in Hamburg nicht auf mich, eine Woche schwedische Entspanntheit werden von einem Abend Deutsche Bahn zunichte gemacht. Ich bin wieder in der Gegenwart angekommen. In der Zukunft war es schöner.

Hammarbysee in Stockholm

Fahrradwaschanlage in Uppsala

Kein Beamer da? Wir haben doch einen Fahrradlenker!

Neubaugebiet (Uppsala-)Rosendal - mit Laufbahn statt Straße

Ist das noch Architektur oder schon Kunst? Stockholmer U-Bahn

Wie in Deutschland - nur Kinder statt Autos

Industriekultur in Norrköping

Die tollste aller Schwedinnen: Astrid Lindgren

Derzeit zu jeder Tageszeit hell: Stockholm

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