Sonntag, 29. März 2020

Bozen - Berlin: Ein Fotobuch

Seit mittlerweile 20 Jahren gestalte und beschrifte ich Fotoalben von meinen Ausflügen und Reisen. Früher noch ausgedruckt im Format 10x15 cm, mittlerweile meist ausschließlich digital. Ein Vergleichsfotobuch habe ich hingegen noch nie gemacht. Wie kam ich auf die Idee? Dafür gibt es zwei Ursachen.

Erstens: Es war eine Fahrradtour entlang der Bozner Europaallee, bei der ich mir dachte: Wow, hier schaut’s ja aus wie in Berlin. Da könnte man Fotos machen, bei denen es gar nicht so leicht zu erraten ist, ob das Foto in Bozen oder in Berlin gemacht wurde.

Zweitens: Ich habe das Fotobuch „Frankfurt – New York“ von Torsten Andreas Hoffmann gekauft und gelesen. Auf jeder Doppelseite ist in diesem Buch ein Foto aus New York einem Foto aus Frankfurt gegenübergestellt, mit jeweils ähnlichem Motiv.

Und da war sie, meine Idee: Ich will auch so ein Fotobuch machen, aber nicht mit New York und Frankfurt, sondern mit Berlin und Bozen. Und natürlich mit deutlich unprofessionelleren Fotos. In Berlin habe ich fast sieben, in Bozen fast fünf Jahre lang gelebt und jeweils so ziemlich jede Ecke der Stadt erkundet. Da dürfte es mir doch nicht schwer fallen, ein paar Vergleichsfotos zwischen den beiden Städten zu machen?

Torsten Andreas Hoffmann schreibt in der Einleitung zum oben erwähnten Buch: „Ist es nicht ein wenig vermessen, die Mainmetropole mit ihren etwas mehr als 670.000 Einwohnern mit der Gigantenmetropole New York zu vergleichen? Natürlich ist das vermessen, und deshalb möchte ich gleich am Anfang klarstellen, dass es mir in keinem Fall um eine Gleichsetzung dieser beiden Metropolen geht.

Natürlich wäre es ebenso vermessen, Bozen mit Berlin zu vergleichen, weshalb auch ich keine Gleichsetzung der beiden Großstädte anstrebe: Anders als Bozen hat Berlin weder eine vollständig erhaltene Altstadt, noch mittelalterliche Burgen, noch 300 Tage Sonne pro Jahr. Berlin freut sich, dass man seit kurzem endlich innerhalb von vier Stunden in München ist – von Bozen aus ist man schon lange in vier Stunden in München! Drei Flüsse kriegt Berlin vielleicht noch zusammen, aber keine drei Seilbahnen; kulinarisch kann Currywurst-Berlin mit Dolce-Vita-Bozen auch nicht mithalten. Südtirol ist für mich kulinarisch ohnehin der beste Ort der Welt: Nach Norden hin wird der Kaffee schlechter, nach Süden hin wird das Bier schlechter.

Gemeinsamkeiten zwischen Bozen und Berlin gibt es natürlich durchaus: Die Verwaltungen sind ähnlich „effizient“ und die Unfähigkeit des innerstädtischen öffentlichen Nahverkehrs, auch bei schlechtem Wetter zu funktionieren, ist vergleichbar. Berlin war geteilt in West und Ost, Bozen ist geteilt in Deutsch und Italienisch; Was in Berlin die Mauer war, ist in Bozen die Talfer.

Meine Rechercheaufgabe für dieses Buch bestand darin, zu sammeln, welche Dinge oder Namen es in beiden Städten gibt, sodass man diese fotografisch gegenüberstellen kann. Aber viele schöne Dinge gibt es in Berlin einfach nicht: Es gibt in Berlin nicht einmal eine Museumstraße, geschweige denn eine Oswaldpromenade. Und auch eine Temple Bar findet man nur in Bozen.

Bozen ist umgeben von der Provinz Bozen, in Deutschland besser bekannt als „Südtirol“. Eine der schönsten, wirtschaftlich stärksten und lebenswertesten Regionen Europas. Und Berlin? Sobald man die Stadtgrenze überquert hat, steht man in Brandenburg. Gähnende Leere und wirtschaftliche Trostlosigkeit, wunderbar zusammengefasst im gleichnamigen Lied von Rainald Grebe („Steh’n drei Nazis auf nem Hügel und finden keinen zum Verprügeln – in Brandenburg“).


So, genug der Satire (ja, liebe Berliner, das war Satire. Ich liebe Brandenburg!). Natürlich kann man eine Provinzhauptstadt nicht mit einer Weltstadt vergleichen. Umso überraschender ist es, dass es so viele Gemeinsamkeiten gibt, von Straßennamen bis hin zu manchen Häuserfassaden. Sicherlich gäbe es noch viel mehr „ähnliche Motive“ zu entdecken, manche davon habe ich auch schon auf meiner Ideenliste, bin aber noch nicht dazu gekommen, die entsprechenden Fotos vor Ort zu machen. Dieses Buch hier ist also kein abgeschlossenes Projekt, sondern eine Anregung, weitere Gemeinsamkeiten zu finden und zu fotografieren. Wer weitere Ideen hat, kann mir die gerne schicken oder auf www.markus-belz.eu kommentieren.

Ansonsten wünsche ich viel Spaß beim Betrachten der Bilder - auf dass sie dazu anregen mögen, bald mal wieder nach Berlin oder Bozen zu reisen und sich die spannenden Seiten dieser beiden schönen Städte anzuschauen. Hier kann man das Fotobuch downloaden.


Empfehlung: PDF in Zweiseitenansicht anschauen und Deckblatt einblenden

2019: Unterwegs mit GPS-Gerät und Kamera

Ich wohne wieder in Deutschland und habe mich in Esslingen/Stuttgart gut eingelebt.
Ich habe die Zweisprachigkeitsprüfung (Deutsch/Italienisch) C1 bestanden.
Ich habe einen Roman veröffentlicht.

So meine persönliche Jahresbilanz 2019.

Die persönliche Jahresstatistik:

• Ich habe 12 Länder bereist (Italien, Österreich, Deutschland, Vereinigte Arabische Emirate, Japan, Südkorea, Tschechien, Kroatien, Slowenien, Portugal, Luxemburg, Belgien)
• Ich bin 3.806 Kilometer Fahrrad gefahren
• Ich habe 1.972 Fotos in Online-Fotoalben beschriftet.

Alle 1.972 Fotos kann man hier durchklicken:

https://photos.app.goo.gl/qE49kJx4AJPCGRQ96


https://photos.app.goo.gl/ZMipc6trLhoEfWha7


https://photos.app.goo.gl/6QuriaDcU6GUgf2e9
  
https://photos.app.goo.gl/KSDVPgednC8tXjBH8


Wie schon im Vorjahr dürfen natürlich die Karten meiner aufgezeichneten GPS-Tracks nicht fehlen. Im Folgenden mein 2019 in der Rheinenfolge Welt, Europa, Großraum Stuttgart und Stuttgart-Esslingen: 





Auf mich wartet nun ein neues Fahrrad - auf dass ich es 2020 endlich mal wieder schaffen werde, mehr als 5.000 Fahrradkilometer zu sammeln. Ich bin gespannt, was 2020 alles passieren wird. Einen ersten Rückblick habe ich ja bereits gewagt.  

Samstag, 1. Februar 2020

Jahresrückblick 2020 - Der Brexit ist da, Trump ist weg




















Wir können einen Gang zurückschalten und auf das Schaltjahr 2020 zurückschauen. Deutschland kann den EU-Ratsvorsitz wieder abgeben, Beethoven kann sich von den Feierlichkeiten zu seinem 250. Geburtstag erholen, Tokio von den olympischen Sommerspielen. Aber was waren die eigentlichen Highlights des zurückliegenden Jahres? Hier sind sie nochmal zusammengefasst: 

Das Wort des Jahres: Flughafenscham
Am 31. Oktober 2020 war es so weit: Der Flughafen Berlin-Brandenburg International „Willy Brandt“ wurde eröffnet. 13 Jahre nach Baubeginn, neun Jahre nach der geplanten Eröffnung im November 2011. Ganz schön peinlich. So peinlich, dass kein Spitzenpolitiker den Flughafen eröffnen wollte: Angela Merkel ließ sich entschuldigen – und feierte lieber in der Uckermark den Reformationstag. Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller? Eröffnete lieber ein Kita-Modellprojekt in Charlottenburg. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke? War in der Lausitz, um mit einer Gießkanne Fördergelder zu verteilen. Alle anderen Spitzenpolitiker? Hingen irgendwo in der Bahn fest, weil mal wieder der gesamte ICE-Verkehr zusammengebrochen war. Das Wort „Flughafenscham“ machte schnell die Runde, auch nach dessen Eröffnung möchte niemand mit dem Berliner Pannenflughafen in Verbindung gebracht werden.  

Der TXL ist Geschichte, die Schwaben werden jetzt nach Schönefeld gefahren

















Die Zahl des Jahres: 75
Die Zahl 75 ist im Jahr 2020 auffällig oft in den Nachrichten vorgekommen. Die UNO hat ihren 75. Geburtstag gefeiert. Das Land Hessen ist ebenfalls 75 geworden. Die Vuelta a España wurde zum 75. Mal ausgerichtet. 75 Schauspieler standen in der allerletzten Folge der Lindenstraße vor der Kamera. 75 Punkte haben RB Leipzig gereicht, um Deutscher Meister zu werden. 75 Stimmen Vorsprung haben der grünen Katharina Fegebank gereicht, um neue Bürgermeisterin von Hamburg zu werden. 75 Millionen Menschen weltweit haben den 25. James Bond „No time to die“ im Kino gesehen. 

Die Ankündigung des Jahres: Habeck will Kanzler werden
Jahrelang wurde darüber spekuliert, ob die Grünen bei der nächsten Bundestagswahl mit einem Kanzlerkandidaten oder einer Kanzlerkandidatin antreten wollen. Den Grünen selber waren Vorstöße in diese Richtung immer unangenehm. Nun hat Parteichef Robert Habeck die Katze aus dem Sack gelassen: „Kanzler wär schon geil. Ja, das wäre ne coole Sache“, hat er bei Anne Will verlauten lassen – und damit erwartbare Reflexe ausgelöst: Die FDP warnt vor einem „Verlust von hunderttausenden Arbeitsplätzen“, wenn die Grünen das Kanzleramt übernehmen. Die AFD warnt vor einer „Masseneinwanderung von Millionen von meuchelmordenden Muslimen“, wenn die Grünen das Kanzlerarmt übernehmen. Die SPD konnte sich auf keine einheitliche Stellungnahme einigen.

Das Verbot des Jahres: Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen
Worauf sich die SPD Anfang 2020 überraschend einigen konnte: Dass sie einen neuen Anlauf beim Tempolimit nehmen will. Da von FDP und AFD zu viele Abgeordnete nicht anwesend waren, reichten die 288 Stimmen von SPD, Grünen und Linken aus, um die Union zu brüskieren: Der Bundestag hat entschieden, dass auf Deutschlands Autobahnen seit Mitte 2020 ein Tempolimit von 120 km/h gilt. Ob das Klima dadurch gerettet wird, sei dahingestellt. Aber es wird viele Menschenleben retten. Und was machen jetzt die armen Sportwagenbesitzer, die ihren kleinen Penis durch hohe Geschwindigkeiten ausgleichen müssen? Die können nach Afghanistan, Nordkorea, Mauretanien oder auf die Isle of Man reisen: Dort gibt es weiterhin kein allgemeines Tempolimit.
Es war ein SPD-Kanzler, der Hartz IV eingeführt hat. Es war eine CDU-Kanzlerin, die die Wehrpflicht abgeschafft hat. Nun ist es also ein CSU-Verkehrsminister, der gegen seinen Willen ein allgemeines Tempolimit auf deutschen Autobahnen eingeführt hat. Alles, was in den nächsten Jahren in Deutschland noch passieren wird – autofreie Innenstädte, Citymauts, zahlreiche Radschnellwege, eine zweite Bahnreform mit der Trennung von Netz und Betrieb und deutlich mehr Investitionsmitteln für das Bahnnetz – wird immer mit dem Namen Andreas Scheuer verbunden bleiben, der somit vom „Feinstaub-Andi“ zum Wegbereiter der überfälligen Verkehrswende in Deutschland wurde.

Jetzt auch auf deutschen Autobahnen: Tempolimit

















Die Umsetzung des Jahres: Der Brexit ist da – vorerst
Am 31. Januar 2020 war es endlich so weit: Großbritannien hat die EU verlassen. Vorerst. Boris Johnson hat damit sein Ziel erreicht – aber ein Handelsabkommen mit der EU gibt es noch nicht: Bis zum 31.12.2020 änderte der vollzogene Brexit faktisch nichts an der Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und Europa. Johnson und die EU konnten sich auch im Laufe des Jahres 2020 nicht auf einen Handelsvertrag einigen. Auf den letzten Drücker konnte ein Aufschub um drei Monate bis März 2021 erreicht werden. Johnson will bis dahin doch noch ein Abkommen mit der EU hinkriegen. Labour will eine neue Volksabstimmung, um den Brexit doch noch rückgängig machen zu können. Schottland will unabhängig werden. Nordirland und Irland wollen sich zu „New Ireland“ vereinigen. Das United Kingdom geht wohl in das letzte Jahr seines Bestehens. 

Diese Polizisten sind keine EU-Mitglieder mehr

















Die Abstimmung des Jahres: Trump verliert seinen Job
Es war ein Vorfall, wie es in den USA viel zu viele gibt, aber diesmal war trotzdem alles anders: Im Januar 2020 hat in einem gottverlassenen Nest in Ohio ein Rechtsradikaler mit seiner Waffe einen Obdachlosen provoziert. Der Obdachlose hat dem Rechtsradikalen daraufhin die Waffe entrissen und ihn erschossen. Präsident Trump twitterte nach dem Vorfall wie wild drauf los: Erst drückte er sein Mitleid mit dem Opfer aus („Didn’t know him, but I know he was a good guy“), dann empörte er sich über Waffen an sich („It was a gun that killed this good guy. Weapons are made for defence, not for killing!”). Trump stellte scheinbar zum ersten Mal fest, dass Waffen töten können. Seine logische Schlussfolgerung: Waffen verbieten, um die Bevölkerung zu schützen. Unter dem Motto #KillThatKillingGuns trat er für scharfe Waffengesetze statt scharfer Munition ein – was einige republikanische Abgeordnete um Spendengelder von den Waffenfirmen im anstehenden Wahlkampf fürchten ließ. Die logische Reaktion: Viele Republikaner stimmten im Impeachment-Verfahren gegen Trump. Der Rest ist bekannt: Donald Trump hat im Frühjahr 2020 überraschend sein Amt verloren. Er wurde vorübergehend von Mitt Romney ersetzt, die Präsidentschaftswahlen 2020 hat aber Michael Bloomberg für die Demokraten gewonnen. 

Unter Trump ging es mit Amerika bergab
























Die Welt hat also Donald Trump überlebt. Mal schauen, was die Welt 2021 alles überleben muss. An dieser Stelle wird man es vorträglich nachlesen können. 

Dieser Artikel wurde zum ersten Mal im Battle of Blogs gepostet. 

Samstag, 3. August 2019

Japan & Co. 2019

Abu Dhabi

Nebel und Sand hängen in der Luft – und bald auch in Gesicht und Augen. Weder die Airline, noch der Airport, noch die Stadt können überzeugen: Wenn man Dubai kennt, ist Abu Dhabi eine Enttäuschung.
Der nagelneue Louvre Abu Dhabi hat bereits Bauschäden, die repariert werden müssen. Der ÖPNV besteht aus selten fahrenden Bussen, bei denen man nicht so ganz versteht, wo sie halten und wo sie hinfahren. Eine Stadtbahn würde der Stadt und uns guttun. Selbst die ökologische Musterstadt Masdar City ist so ökologisch und autofrei gar nicht: Wir brauchen ein Taxi, um von dort zum Flughafen zurückzukommen. Es passt ins Bild, dass vor dem Ministry of Climate Change and Environment ein Kleinbus steht, der bei offener Tür den Motor und somit die Klimaanlage laufen lässt.
Schön, dass wir hier waren. Noch schöner, dass es jetzt nach Japan weitergeht.





Ankunft in Japan

Nach dem anstrengenden Nachtflug mussten nicht nur wir unsere Knochen durchzählen, auch das Flugzeug musste durchgecheckt werden. Ergebnis: 3 Stunden Verspätung – ohne, dass uns das irgendwann jemand mitgeteilt hätte. Aber nun haben wir Etihad endlich hinter uns und Japan liegt vor uns.
Im Flughafen trennt sich die Spreu vom Weizen: Einheimische (alt, kantig, ruhig, höflich) ordnen sich in der rechten Schlange ein, Ausländer, insbesondere Chinesen (jung, rund, laut, unhöflich) in der linken.
Das erste Abendessen in Japan hätten wir ohne Andreas so nie gefunden. Ohne ihn wären wir auch nicht in einen Hochhausturm gefahren, um vom Klo aus auf Nagoya zu schauen.
Vieles hat man vorher gelesen, und doch überrascht es einen, wenn es dann WIRKLICH so ist. Zum Beispiel, dass die Shinkansen-Züge auf den Zentimeter genau stehenbleiben und auf die Sekunde genau weiterfahren. Die erste Shinkansen-Fahrt ist natürlich etwas ganz Besonderes. Und was bleibt ganz besonders hängen? Dass es im Shinkansen Pissoirs gibt.



 

Der einzigartige Genuss, in Japan eine Toilette zu nutzen

Tokyo ist wirklich so entspannt, wie immer alle behaupten. Beeindruckend, wenn man bedenkt, dass hier 30 Mio. Menschen wohnen.
Highlight des Tages war ein Toilettenbesuch: Verschiedene Tasten für kurze Spülung, lange Spülung, Wasserstrahl vorne und Wasserstrahl hinten. Die Temperatur der beheizten Klobrille lässt sich regulieren. Ich will natürlich alles mal ausprobieren. Zum Beispiel auch die Privacy-Taste mit dem Musik-Symbol: Auf Knopfdruck ertönt beliebig lange ein Spülungsgeräusch, ohne dass die Spülung geht. Auf einer weiteren Taste lässt sich die Lautstärke regulieren. Es kann also niemand mein Kacken oder Furzen hören.
Die Po-Spülung fühlt sich erstmal irgendwie komisch an. Aber ziemlich schnell fühlt sie sich ziemlich großartig an. Quasi ein Whirlpool im Scheißhaus. Po und Co. werden ordentlich durchmassiert – aber es hört nicht mehr auf. Das Wasser spritzt unaufhörlich nach oben. Ich drücke mehrmals die Taste, mit der ich die Massage ausgelöst hatte – nichts passiert. Ich drücke die Spülung – die geht zwar, aber der Massagestrahl läuft einfach weiter.
Mir kommt schließlich eine Idee: Vielleicht sind in der beheizten Klobrille ja Sensoren eingebaut, die merken, wenn ich nicht mehr darauf sitze und die Düse anhalten.
Es war eine sehr schlechte Idee.
Wenn man aufsteht, spritzt das Massagewasser einfach weiter – aus der Kloschüssel raus und im hohen Bogen gegen die Tür der Toilettenkabine. Dort wird es refklektiert – und landet auf meinem T-Shirt und in meinen Haaren. Schnell – sehr schnell – sitze ich wieder auf dem beheizten Ring. Und lasse mein Hinterteil weiter massieren, während Wassertropfen von der Kabinentür gen Boden wandern.
Endlich finde ich die richtige Stop-Taste. Der Wasserstrahl hat ein Ende.
Ein paar Minuten dauert es, bis Toilettenkabine und Markus wieder trocken sind, aber der vorangegangene Spaß rechtfertigt diesen Aufwand.


In Matsumoto herrscht Lexware


Der Blick aus dem Hotelzimmer in Matsumoto fasst für mich Japan in einem Foto zusammen: Dicht bebaute Stadt, schönes Gebirge, Erdbebengefahr (deshalb die Rillen im Fenster), perfekter öffentlicher Nahverkehr und überhaupt eine fast schon unrealistische Ordnung und Sauberkeit – einen solchen Bahnhofsvorplatz findet man nicht mal in der Schweiz. Hier herrscht wohl Lexware.
Weitere Erkenntnisse aus den ersten Japan-Tagen:
  • Frühstück um 7 Uhr heißt Frühstück um 7 Uhr (und nicht 6:50 Uhr!)
  • Den Bahnhof Shinjuku zu durchqueren ist tatsächlich eine Herausforderung
  • In Matsumoto bewahrheitet sich erstmals das Gerücht, dass Japaner nicht gut Englisch sprechen (auch wenn sie an der Hotelrezeption oder am Fahrkartenschalter arbeiten)

Ich hab dich gesehen, Signal!

Es gibt viele japanische Eigenheiten, von denen man vor der Reise gelesen hatte und sich dachte: „A-ha, interessant“. Wenn man diese Eigenheiten dann vor Ort beobachtet, denkt man sich: „Krass, die machen das wirklich!“ Die Japaner drehen zum Beispiel wirklich durch, sobald sie den Fuji sehen. Da vergessen sie kurzzeitig ihre Sonnen-Allergie, öffnen das Verdeck und knipsen durch das Zugfenster auf den weißen Vulkan.



Viel witziger: Japanische Lokführer grüßen tatsächlich Signale. Zumindest sieht das so aus (siehe hierzu mein kurzes Video). Mit ihren weißen Handschuhen deuten sie auf Signale und die Streckentabelle an der Frontseite der Fahrerkabine und kommentieren dabei ihre Tätigkeit: „Geschwindigkeit auf 80 km/h reduziert“; „gelbes Vorsignal gesehen“. Der angebliche Hintergrund: Untersuchungen haben gezeigt, dass Lokführer ihre Arbeit konzentrierter und somit für die Fahrgäste sicherer verrichten, wenn sie selbige lautstark kommentieren. Ein deutscher Lokführer würde deshalb wohl noch lange nicht anfangen, mit Signalen zu reden. Der homo japanensis, eine bedauernswerte Mischform aus Mensch und Roboter, macht aber natürlich das, was ihm der Vorgesetzte befiehlt. Und dazu gehört bei der japanischen Bahn eben: mit Signalen kommunizieren. Oder, falls man ein Schaffner ist: Jedes verdammte Mal, wenn man einen Waggon betritt oder verlässt, sich vor den Fahrgästen verbeugen. Das ist unglaublich höflich und eine wunderbare Geste. Aber es wirkt auf einen Europäer irgendwie, wie wenn da ein dressierter Hund arbeiten würde.

Kunst-Shinkansen

Ich bin schon viele Züge gefahren, und ich habe schon viele Kunstwerke gesehen. Aber mit einem 220 km/h schnellen Kunstmuseum bin ich noch nie gefahren. Es ist wunderbar, dass die Japaner so wundervoll sinnloses Zeug erfinden…


 

Auch in Kanazawa herrscht Lexware

Europa hat die Schweiz, Amerika hat Kanada – und Asien hat Japan: Jeder Kontinent braucht anscheinend ein Land, das funktioniert. Wo die Gehsteige sauber sind und die Züge pünktlich fahren, wo sich alle immer an alle Regeln halten und die Kriminalität entsprechend niedrig ist.
Japan funktioniert SO gut, dass es fast schon erschreckend ist. Als ich heute im Park Kenroku-en in Kanazawa die Schubkarren der Bauarbeiter sah, musste ich wieder an die „Hier herrscht Lexware“-Werbung denken. Das war kurz bevor ich drei alten Männer gesehen habe, die im Park den Wasserfall gekehrt haben. Ja, die haben den Wasserfall sauber gemacht! Ein paar Blätter im Wasserfall würden den Eindruck der „perfekten Natur“, den japanische Gärten vermitteln wollen, stören. So wie Japaner sicherlich unglaublich gestört wären, wenn ein Zug zwei Minuten Verspätung hätte oder Müll auf dem Gehsteig liegen würde. Japan hat nichts zu tun mit dem Chaos, das man aus anderen asiatischen Ländern kennt oder dort erwarten würde. Es ist eben die Schweiz Asiens.



Japan und Deutschland – Ein Vergleich

Die fleißigen und perfektionistischen, teilweise aber durchaus überheblichen und humorlosen Japaner sind uns Deutschen nicht unähnlich. Was die Mentalität der Einheimischen betrifft, ist ein Japanurlaub für uns Deutsche weniger Umstellung als ein Urlaub in Spanien oder Italien. Mit den Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Japan könnte man ohnehin ein ganzes Buch füllen, von den Gräueltaten in den Kolonien und im 2. Weltkrieg über die Dominanz der Automobilindustrie bis zur Arroganz von Technologieunternehmen, die vor lauter Hardware-Detailverliebtheit übersehen haben, dass sie bei der Software von China und Silicon Valley längst überholt wurden. Demographischer Wandel, rassistischer Nationalismus, Unbeliebtheit bei den Nachbarländern, global agierende hidden champions, …: Japan und Deutschland haben sehr viele Ähnlichkeiten. Aber einen großen Unterschied gibt es dann doch: Japan funktioniert. Hier fährt die Bahn nach Fahrplan, öffentliche Toiletten sind sauber und Großbaustellen werden rechtzeitig fertig. Viel zu lernen wir noch haben.

Shirakawago – Das Japan ohne 2-Minuten-Takt

Die Beine schmerzen ordentlich, wenn man sich nach mehr als einer Stunde aus dem ungewohnten Schneidersitz erhebt. Viele Erfindungen aus der Geschichte der Menschheit lernt man erst dann zu schätzen, wenn man sie nicht mehr hat: Schwarzbrot, Stühle und Sportschau zum Beispiel. Drei Woche ohne König Fußball und Kaisersemmeln kann man aushalten, aber ich freue mich, dass Hotels und Gaststätten in der Regel auch in Japan über Stühle und Tische in gewohnter Höhe verfügen. Drei Wochen lang auf dem Boden kauern und schlafen, wie in Japan traditionell üblich, das würden mir Beine und Rücken nicht verzeihen. Aber ein Tag in einem Teil Japans, der so traditionell ist, dass ihn die UNESCO sogar zum Weltkulturerbe erklärt hat, das hat schon was.
Die drei Dörfer Ainokura, Suganuma und Shirakawago sind zwar alles andere als ein Geheimtipp, aber sie sind ein lohnenswertes Ziel. Sogar Bushaltestellen und Lagerhallen imitieren hier den alten Baustil mit den steilen Dächern. An diesen Haltestellen gibt es keinen Tokyo-2-Minuten-Takt, sondern einen maximal-neun-Busse-pro-Tag-Fahrplan. Der nächste Bus wäre zweieinhalb Stunden später gefahren und hätte keinen Anschluss mehr nach Takayama gehabt. Also konnten wir das leckere Mittagessen leider nicht genießen, dessen Zubereitung doch etwas länger als die angekündigten „20 Minuten“ dauerte…



 

Es gibt kein Bier auf Hawaii,

aber man muss nicht nach Hawaii fliegen, um kein Bier zu kriegen. Es reicht auch der Besuch einer x-beliebigen japanischen Großstadt nach 23 Uhr. Auch nach einer Woche im Land überrascht es mich noch, wie früh hier die Gehsteige hochgeklappt werden. In kleinen Städten wie Matsumoto und Takayama ist es schon eine Herausforderung, um 20 Uhr überhaupt noch etwas zu Essen zu finden. In Shirakawago haben wir schon um 16:30 Uhr kein offenes Café mehr gefunden. Ein Kioskbesitzer hat uns wenigstens noch eine Kaffeedose aus dem Wärmschrank (dieses Gegenteil eines Kühlschranks gibt es wohl nur in Japan) verkauft – und dann gleich nach uns den Laden geschlossen.


Aktuell sind wir in Yokohama, mit 3,7 Mio. Einwohnern die zweitgrößte Stadt Japans. Aber auch hier scheint um 23 Uhr Sperrstunde zu sein. Es ist zwar schön, die Promenade an der Meeresbucht ganz für sich alleine zu haben. Aber noch schöner wäre es, wenn man da auch noch was trinken könnte.


Sendai - Das war’s dann wohl mit Englisch

Es überraschte mich in der ersten Woche, wie einfach man sich in Japan orientieren kann. Die Beschilderungen in den Bahnhöfen sind logisch, durchgehend und immer auch Englisch, also mit lateinischen Buchstaben. In den Zügen gibt es über den Türen Displays, die im stetigen Wechsel zwischen lateinischen Buchstaben und japanischen Schriftzeichen die Namen der nächsten Stationen anzeigen (und weitere Informationen, z.B. die Position der Rolltreppen und Bahnsteigausgänge). Die Orientierung in den Städten ist ebenfalls kein Problem, weil es überall mehrsprachige Infotafeln und Stadtpläne gibt. Speisekarten gibt es in der Regel ebenfalls zweisprachig, im Zweifelsfall kann man einfach auf Bilder deuten oder auch jemanden fragen, denn fast jeder kann, wenngleich schwer verständlich, zumindest ein paar Brocken Englisch.
Das war wie gesagt die erste Woche. Dann kam Sendai.



Der Nordosten von Honshu ist offensichtlich weniger touristisch als die Landesteile, die wir vorher bereist hatten. Zumindest gibt es weniger westliche Touristen. Völlig verwirrende Beschilderung im Bahnhof, im Hotel spricht niemand Englisch und im Vorortzug gibt es keine digitalen Displays, sondern nur eine Tafel, auf der alle Stationen der Linie dargestellt werden – ausschließlich mit japanischen Schriftzeichen. Zum ersten Mal auf dieser Reise fühle ich mich eher an ein anderes asiatisches Land erinnert als an Kanada. Zum ersten Mal ist es eine Herausforderung, den richtigen Ausstiegsbahnhof zu finden. Challenge accepted.

Hokkaido - Wie in einem anderen Land

Hokkaido, die nördliche japanische Hauptinsel, ist durch den 54 Kilometer langen Seikan-Tunnel mit Honshu verbunden. Seit 2016 fahren auch Sinkansen-Züge durch den Tunnel, sodass zumindest das im Süden der Insel gelegene Hakodate schnell und einfach zu erreichen ist. Weshalb wir heute einen Tagesausflug auf die Nordinsel gemacht haben. Allerdings ist der Seikan-Tunnel scheinbar das einzige, was Honshu und Hokkaido verbindet: Wir hatten von Anfang an das Gefühl, in einem völlig anderen Land gelandet zu sein. Das Wetter ist anders (Schnee, Dauerregen, Gewitter), die Dörfer und Felder schauen anders aus; Hakodate mit seinen maroden Straßenbahngleisen und hässlichen Häuserschluchten schaut eher nach Sowjetunion aus als nach Südjapan; die Tageskarte für die Straßenbahn (50 Jahre alte Waggons tanzen und quietschen mit maximal 30 km/h durch die Stadt) ist keine elektronische Chipkarte, sondern eine Art Rubbellos, bei der der richtige Gültigkeitstag freigekratzt werden muss.
Der schönste Teil von Hakodate ist das sogenannte Ausländerviertel, in dem noch schöne Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert erhalten sind. Die Fachwerkhäuser und die katholische Kirche sind zweifelsohne schön – aber wie gesagt: Man fühlt sich wie in einem anderen Land.
Dass dieses andere Land vermutlich Deutschland ist, wird spätestens beim Umstieg in Shin-Hakodate-Hokuto deutlich: Da wird der Gegenzug aus Sapporo mit einem Hinweis angekündigt, von dem ich in Japan bislang nicht wusste, dass es ihn gibt: der Zug hat Verspätung! Und zwar gleich 30 Minuten. Das ist mir eindeutig zu deutsch. Nichts wie zurück nach Honshu.



 

Vom Schnee nach Shonan - Klimazone gewechselt

Vormittags auf 100 Metern Seehöhe alles voller Schnee, am Nachmittag bei angenehmen Temperaturen (aber starkem Wind) am Pazifik entlangspazieren: Japan ist zwar nicht größer als Deutschland, aber es erstreckt sich über mehr Klimazonen. Und es hat die schnelleren Zugverbindungen, sodass man mal eben schnell die Klimazone wechseln kann. Heute Vormittag noch mit dem Mini-Shinkansen über eine wunderschöne Bergbahn gekurvt, rast man ein paar Stunden später mit der beeindruckenden Shonan Monorail achterbahnartig gen Strand. Ein Tag ganz nach Pufferküssers Geschmack. Und endlich liegt der Winter hinter uns.




 

Kyoto – Zu voll, aber voll schön

Nein, wir sind nicht in Amsterdam. Auch wenn es sich irgendwie so anfühlt. Wir sind in Kyoto, der Stadt der 1.600 Tempel. Hier ist irgendwie alles westlich-gestresst-unhöflicher als wir den Osten Japans in Erinnerung hatten – aber umgekehrt natürlich auch cool, mal wieder in einer Stadt zu sein, in der nicht um 19 Uhr die Gehsteige hochgeklappt werden. Manche Geschäfte haben sogar bis 26 Uhr geöffnet (das ist wohl japanisch für 2 Uhr morgens). Voll ist es hier. Aber halt auch voll schön. Bis 16 Uhr ist Kyoto unerträglich, danach ist es unvergleichlich. Philopsophenweg im Abendlicht hat für Bambuswald im Mittagstrubel entschädigt. Und das Essen war auch mit Messer und Gabel (das passt zum touristischen Kyoto sowieso irgendwie besser als Stäbchen) lecker. An die Menschenmassen und das viele Deutsch muss ich mich noch gewöhnen, die Sehenswürdigkeiten (allen voran der goldene Pavillon) haben mich hingegen schnell überzeugt. Alles, was es hier gibt, kann man unmöglich in vier Tagen sehen. Aber ein Anfang ist gemacht.




Japanischer Gartenbau

Immer mal wieder findet man in europäischen Kurstädten einen „japanischen Garten“. In Japan gibt es die auch, nur heißen sie hier natürlich einfach nur „Garten“. Sie zeigen idealisierte Natur in Miniaturform. Das aber auf durchaus großer Fläche: Der Park Kōrakuen in Okayama heute Morgen war etwa 14 ha groß, der Ritsurin-Koen in Takamatsu heute Nachmittag ist mit knapp 75 Hektar gar der größte Wandelgarten Japans. 24.151 Schritte hat das Handy heute gezählt, und jeder einzelne hat sich gelohnt. Kirschbäume, Bonsai-Pinien, Himalaya-Zeder, kleine Wasserfälle und Flussläufe, Teehäuser und Reisfelder, Aussichts-Bergchen und Tempelchen. Mit viel Liebe zum Detail wird hier gepflanzt und geschnipselt, gekehrt und gerecht. Man muss kein Botaniker sein, um diese Miniatur-Landschaften toll zu finden. Ein ausgeklügeltes System sorgt dafür, dass jederzeit irgendwas blüht. Andere Bäume stehen bereits in voller Blüte, und je südwestlicher wir kommen, desto weiter sind auch die Kirschbäume. Die Besonderheiten japnischer Gärten (Stichwort „geborgte Natur“) kann man z.B. hier nachlesen, ich lasse lieber Bilder sprechen:





Elektronikmarkt und Vergnügungspark - Real Shit Japan

Wer die Tempel von Kyoto und Nara gesehen hat, der hat die Tempel von Kyoto und Nara gesehen. Aber wer in einem Elektronikfachgeschäft in Kyoto und einem Vergnügungspark bei Nara war, der hat Japan gesehen. Ein ewiges Gedudel und Gewusel, ein weltweit einmaliger Sinn für Unsinn und Klamauk, trotz Stress und Überarbeitung stets höflich und zuvorkommend – das ist Japan.



Ich freue mich nach wie vor jedes Mal, wenn ich Dinge, die ich vorher in irgendwelchen Reiseführern oder Länderkunden gelesen hatte, vor Ort bestätigt kriege. Aktuelles Beispiel: In Osaka stehen die Leute auf der Rolltreppe tatsächlich rechts, und nicht wie im Rest des Landes links.

 

Heute Vormittag waren wir in Nara. UNESCO-Welterbe, beeindruckend, schön. Aber irgendwie halt auch erwartbar. Ein Standseilbahn, die wie ein Hund aussieht; ein Vergnügungspark auf einem Berggipfel, der einfach nur völlig verrückt ist: damit konnte man nicht rechnen. Wenn sich die zwei Standseilbahnen Hund und Katze begegnen, ertönt aus dem Lautsprecher im Innenraum Bellen und Miauen. Das kann man nicht erfinden. Das kann man nur in Japan finden.




 

Hiroshima – Oh Mensch, was bist du so dumm

Etwas dümmeres als der Mensch hätte diesem Planeten nicht passieren können. So mein Fazit nach dem Besuch des Hiroshima Peace Memorial Museum. Was müssen das für Menschen sein, die den Abwurf einer Atombombe mitten in eine Großstadt befehlen? Von 140.000 Todesopfern spricht die Ausstellung und zeigt bewegende Einzelschicksale. Vielleicht noch schlimmer als der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ist die Tatsache, dass die Menschheit daraus nichts gelernt hat: Die Zahl der Atombomben ist bis 1986 weiter gestiegen, die Zahl der Atombomben besitzenden Staaten steigt auch heute noch weiter an. Die Initiativen von ICAN, Barack Obama und diversen NGOs hin oder her, der Mensch ist und bleibt ein dummer Egoist. Man fragt sich nach dem Besuch von Hiroshima, warum die Weltgemeinschaft nicht in der Lage ist, sämtliche Atomwaffen zu zerstören. Und liest noch am selben Tag im Spiegel von Überlegungen, die französischen Atomwaffen zu europäischen Atomwaffen zu machen und die Militärausgaben der europäischen NATO-Mitglieder deutlich aufzustocken. Oh Mensch, was bist du so dumm.


 

 

Kyushu - Anarchie und Palmen

Der Reiseführer hatte mal wieder Recht, als er behauptete, dass die Menschen auf Kyushu deutlich entspannter sind als auf Honshu. Warten auf den Bus, ohne sich vorab in einer Schlange einzureihen; Bestätigungsbutton „ja, ich bin über 20 und darf Alkohol kaufen“ von der Kassiererin selber gedrückt, bevor sie es mir lange erklärt; und dann das: Der Straßenbahnfahrer startet am Endbahnhof ohne Mütze und weiße Handschuhe und zieht die landesweit vorgeschriebene Dienstkleidung erst nach mehreren Stationen an – während der Fahrt! So viel Anarchie gab es in Japan bislang nicht. So viele Palmen auch nicht. Und einen Vulkan, der gerade ausbricht – so etwas habe ich überhaupt noch nie gesehen. Der Sakurajima ist quasi ständig aktiv und bedeckt die Straßen von Kagoshima immer mal wieder mit Asche. So stark waren die Eruptionen heute nicht, aber es gab sie. Wie vom Reiseführer versprochen auch in verschiedenen Farben. Ohne den Vulkan auf der anderen Seite der Bucht wäre Kagoshima eine nicht sonderlich schöne, aber durchaus sympathische und lockere Stadt. Mit Vulkan ist es definitiv eine Reise wert.


 

Beppu – Hölle, Hölle, Hölle 

Der Reiseführer hatte regelrecht davor gewarnt, sich Beppu anzuschauen. In der Tat: Schön ist die Stadt nicht. Aber dann zahlt man Eintritt für eine der „Höllen“ und freut sich, doch hier ausgestiegen zu sein. 100 Grad heißes Wasser dampft, strömt und sprudelt, schimmert in jeder der acht Höllen in einer anderen Farbe und verbreitet Dampf und Schwefelgeruch. Das Aneinanderreihen von eurasischer und pazifischer Platte führt also nicht nur zu Erdbeben und Vulkanismus, sondern auch zu solch verrückt-lustigen Naturphänomenen.



 

Aufgrund eines Personenschadens…

Der letzte Tag in Japan, und zum ersten Mal gibt es Probleme mit der Bahn: Ein Selbstmörder hat den Bahnverkehr am Morgen gestört, am Nachmittag kriegen wir dann keine Reservierung mehr für den reservierungspflichtigen Expresszug. In Deutschland hätten wir die Tour nach der Bahnstreckensperrung wohl abbrechen müssen, in Japan sind wir einfach auf andere Züge ausgewichen – und einmal mehr begeistert von der Organisiertheit der Bahn: Die Fahrgäste werden per Megafon, Flyer und Flipchart (der Standort des Selbstmörders wird auf einer Karte dargestellt) informiert, alle zahlreich vorhandenen Bahnmitarbeiter können kompetent Auskunft geben und schnell hat man die Lage wieder im Griff. Die Effizienz der japanischen Bahn kann einem direkt Angst machen.

 

Kontinentwechsel nach Korea

Ich sitze in einem Hochgeschwindigkeitszug (TGV-Lizenzbau), höre ein Hörbuch (Michelle Obama) und habe auf dem Klapptisch vor mir die Einkäufe ausgebreitet, u.a. eine Sandwich-Packung und eine Flasche Wasser. Kamera und Handy liegen auch vor mir. Rechts von mir das Fenster, links von mir mein Vater. Im Mittelgang nähert sich ein älterer Mann unserer Sitzreihe. Plötzlich wird er langsamer, bleibt gar stehen, blickt auf meinen Klapptisch und beugt sich nach unten. Er greift meine Sandwichpackung, zieht sie an sich und geht weiter. Völlig perplex schaue ich ihm hinterher. Bis ich realisiert habe, was da gerade passiert ist, ist der Typ schon im nächsten Wagen. Und mit ihm mein Sandwich.
Spätestens mit dieser Szene ist klar: Wir sind nicht mehr in Japan. So etwas wäre in einem Shinkansen niemals passiert. Wir sind jetzt in Korea. Das sieht man und das spürt man. Gefühlt haben wir nicht das Land gewechselt, sondern den Kontinent. Nun sind wir in Asien: Chaos; unverständliche Schriftzeichen; schwierige Orientierung und Kommunikation; schlanke, hohe Wohntürme; verrückte Lebensmittelmärkte; hohe Temperaturen (endlich mal wieder im T-Shirt!). Korea ist komplett anders als Japan. Und Busan ist wunderschön. Wenn man erstmal verstanden hat, wie Gepäckschließfächer und Busfahren funktioniert, dann kann man diese sich an den Pazifik schmiegende Millionenstadt mit ihrer Frühlingsvegetation aufsaugen. Bis man viel zu früh zurück zum Bahnhof muss, um den TGV nach Seoul zu erwischen. Aktuell genieße ich die Fahrt im selbigen und wundere mich, wie aufgeräumt vor dem Fenster alles ist (Treibhäuser, Wohnblöcke und Gewerbegebiete in Reih und Glied), wie schön die Berge sind und wie wenige „normale“ Dörfer es zwischen all den Hochhaus-Städten gibt. Nur auf mein Sandwich muss ich leider verzichten.




 

Sensation Seoul

So etwas nennt man wohl ein Abschlusshighlight. Ein Highlight, wie es ab jetzt im Tagebuch geschrieben steht. Seoul war der letzte Besichtigungstermin unserer Reise, heute Nacht starten wir den Rückflug. Und Seoul hat uns so begeistert wie wahrscheinlich keine andere Stadt zuvor. Diese Mischung aus alten Blechbuden und modernen Glastürmen, aus asiatischem Chaos und funktionierendem ÖPNV, aus beachtenswerten Palästen und ständigen Bergblicken, aus – aus allem, was man von einer Megacity erwarten kann –, die ist sensationell. Ungefähr 25 Millionen Menschen leben in Seoul, was es nach Tokyo zum zweitgrößten Ballungsraum der Welt macht. Trotzdem gibt es überall ruhige Ecken, gemütliche Cafés und stressfreie Zonen. Eine Stadt, in der es viel zu sehen und zu erleben gibt. Das Highlight des Highlights war der Sonnenuntergangs-Besuch auf dem Hausberg Namsan. Man hätte 500 Fotos schießen können. Aber kein Foto der Welt ersetzt die Gewissheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein.



 

Noch mehr Fotos gefällig?

https://photos.app.goo.gl/4YKBU6gj6r3YUPTi6

Das waren die schriftlich festgehaltenen Eindrücke aus Japan (und Abu Dhabi und Südkorea). Die Reise habe ich von 16.03.-06.04.2019 mit meinen Eltern durchgeführt, der Reiseverlauf ist auf der Karte oben blau dargestellt. Mehr Fotos und Videos (wenn man auf „i“ klickt jeweils auch mit Beschriftung) findet man im Online-Album.