Freitag, 15. Juni 2018

Die 5 besten Momente der WM 2018, die man nicht verpasst haben werden darf (Markus)

1.    Wladimir Putin und der Tiger

Wie bereits in meinem Jahresrückblick 2018 erwähnt, hat der russische Präsident Wladimir Putin die Fußball-WM mit nacktem Oberkörper auf einem weißen Tiger reitend eröffnet. Ein Bild, das um die Welt ging. Da der lupenrein demokratische Präsident der Russischen Föderation allerdings unzufrieden war mit Körperhaltung und Geschwindigkeit des Tigers, wurde dieser gleich nach dem Ende der Eröffnungsfeierlichkeiten erschossen.

Russland im Fußballfieber


2.    Costa Rica und die Drohne

Rauchbomben und Flitzer waren gestern: Heutzutage stört man Fußballspiele anscheinend mit Drohnen. Ein neuer Trend, der bei der WM 2018 geboren wurde? Das Vorrundenspiel Brasilien gegen Costa Rica war beim Stand von 4:0 längst entschieden, als ein costa-ricanischer Fan in seinem Auto auf dem Stadionparkplatz sitzend eine Drohne über das Stadiondach und direkt ans Spielfeld steuerte, wo sie die brasilianischen Verteidiger verwirren sollte. Das hat tatsächlich funktioniert, die costa-ricanischen Angreifer wurden allerdings gleichfalls verwirrt. Die Drohne wurde sofort eingefangen, die extern auslesbaren Aufnahmen innerhalb kürzester Zeit zum viralen Hit. Das Spielergebnis hat die Drohne freilich nicht beeinflusst, Brasilien gewann am Ende 5:0.

Von einer Drohne fotografierte Szene aus dem Spiel Brasilien gegen Costa Rica

3.    Oliver Kahn und die kaputte Kamera

Der Ausraster von Oliver Kahn nach dem völlig unwichtigen Gruppenspiel Saudi-Arabien gegen Ägypten war für mich DAS Highlight der WM. Olli Kahn, der, wie vor der WM noch niemand wusste, als Torwarttrainer für die Saudis arbeitet, war nach den unnötigen Patzern des saudischen Tormanns (das Spiel endete bekanntlich 3:1 für Ägypten) so außer sich vor Wut, dass er Oliver Welke vor laufender Kamera drei Minuten lang anbrüllte und schließlich eine Kamera zertrümmerte. Ob der Vertrag der „Oliver Kahn Academy“ mit dem saudi-arabischen Fußballverband nach dessen punktlosem Ausscheiden aus der WM verlängert wird, ist derzeit noch unklar.

Kahn im Spreewald
4.    Brexit nach Elfmeterschießen

Diesmal also gegen Polen: England ist auch bei dieser WM in einem Elfmeterschießen gescheitert. Bayern-Stürmer Robert Lewandowski versenkte den entscheidenden Elfmeter und führte sein polnisches Team ins Viertelfinale (wo es dann an Brasilien scheiterte). Neben kochen, Sonnencreme kaufen und sozialer Wohnungspolitik gehört Elfmeterschießen definitiv zu den Dingen, die Engländer nicht beherrschen. Dafür haben sie einmal die halbe Welt beherrscht, das ist ja auch was.


5.    Deutschland ist Weltmeister!!

Gegen Schweden gab es in der Vorrunde nur ein 2:2, aber Mexiko, Südkorea, Serbien, Belgien und Portugal hat Deutschland auf dem Weg ins Finale besiegt. Dort wartete der Angstgegner Frankreich. Seit 1871 konnte Deutschland nicht mehr gegen Frankreich gewinnen, nun war es endlich mal wieder so weit. Nach Italien (1934 und 1938) und Brasilien (1958 und 1962) ist Deutschland somit die dritte Nation, die einen WM-Titel verteidigen konnte. Oliver Bierhoff und Jogi Löw haben nach dem Sieg spontan entschieden, die WM-Feierlichkeiten im Spiegelsaal in Versailles abzuhalten. Emmanuel Macron hat vorgeschlagen, die Feierlichkeiten in Versailles zu nutzen, um gleich an Ort und Stelle „Die vereinigten Staaten von Europa“ zu gründen. Er wartet allerdings noch auf eine Antwort von Angela Merkel.

Versailles vor der großen Feier
Eine Stimmung wie 1871
Dieser Artikel wurde zum ersten Mal im Battle of Blogs gepostet.

Montag, 4. Juni 2018

Eine Reise nach Schweden ist eine Reise in die Zukunft

"We are better than yesterday, but not as good as tomorrow"

Ankunft in Stockholm am frühen Morgen. Selbstverständlich pünktlich. In einem Nachtzug, in dem man sich fragt: Warum sind deutsche Nachtzüge nicht so bequem? Warum sind Personal und Mitreisende in deutschen Nachtzügen nicht so freundlich? Und vor allem: Warum gibt es eigentlich fast keine deutschen Nachtzüge mehr?

Der erste Gang führt in die Bahnhofstoilette. Nicht zum Geldautomaten. Man kann die Toilettengebühr nämlich mit Kreditkarte zahlen. So wie ALLES in Schweden, egal ob Kaffee, Knäckebrot oder Köttbullar (Obdachlosen-Zeitungen und Prostituierte vermutlich auch, habe ich aber nicht ausprobiert). Ich werde in den folgenden sieben Tagen nicht eine einzige schwedische Krone in der Hand halten.

Im Toilettenareal versuche ich zu verstehen, wo die Männer-Kabinen sind. Ergebnis: Es gibt keine. Die Toilette im Hauptbahnhof von Stockholm unterscheidet nicht zwischen Männern, Frauen und sonstigen Geschlechtern. Was irgendwie modern ist, aber schon auch ungewöhnlich. Ich finde es komisch, dass ich das komisch finde. Da hält man sich für einen modernen, aufgeklärten, gender-sensiblen Menschen – und dann ist man überrascht, dass man sich in Stockholm im Bahnhof direkt neben einer Frau die Zähne putzt.

Kurz darauf ist das Gepäck bargeldlos verstaut und ich warte auf einem Bahnsteig am Stadtrand auf einen Vorortzug Richtung Schärengarten. Neben dem Bahnsteig verläuft ein hervorragend ausgebauter Radschnellweg, auf dem ganz oft das vorbeiradelt, was man in Deutschland „Karrierefrau“ nennt. In Schweden nennt man das: „Frau“. Hier ist es völlig normal, dass Frauen Karriere machen – und trotzdem Kinder haben. Kinder radeln auch viele an mir vorbei – meist auf den (Lasten-)Fahrrädern, die von ihrem Papa gefahren werden. Verkehrte Welt? Oder doch einfach nur: die Zukunft.

Der Vorortzug fährt ein. Gefahren wird er von einer Frau. Der Schaffner ist ein Mann. Und wieder finde ich es komisch, dass ich das komisch finde. Wie oft hat man das in Deutschland oder Italien schon gesehen, dass eine Frau den Zug fährt und ein Mann die Tickets knipst? Eben. Wobei in Schweden natürlich keine Tickets mehr geknipst werden, sondern Chipkarten ausgelesen – und zwar in Sekundenbruchteilen. Ich achte auf die Werbeplakate im Zug: Ja, auch dort sind es Frauen, die für hochwertige Produkte werben. Und zwar im Business-Dress Seriosität ausstrahlend, nicht halbnackt niedere Instinkte ansprechend.

In den Stockholmer U-Bahnen fällt mir auf, dass dort sehr viele Teenager sitzen. Macht aber auch Sinn, schließlich waren mir bei meinem ersten Besuch in Stockholm vor 14 Jahren die vielen schwangeren Frauen aufgefallen. Was mir vor 14 Jahren auch aufgefallen war: man konnte landesweit überall Nummern ziehen und bequem auf den Aufruf warten, statt ewig in unterschiedlich schnellen Warteschlangen stehen zu müssen; und es gab von Marmelade bis Rentierfleisch alles in praktischen Tuben, ohne dass man am Ende mühsam leere Gläser auskratzen musste. Die Wartenummern haben sich weiter südlich mittlerweile auch etabliert, auf die Marmeladetuben warte ich noch immer. Mal schauen, wie lange Unisextoiletten und Bargeldlosigkeit für den Weg in den Süden brauchen.

Für den Weg von Stockholm nach Uppsala braucht man nur etwa 40 Minuten. In Uppsala besuche ich eine Konferenz, auf der drei Tage lang Projekte zur nachhaltigen Mobilität vorgestellt und diskutiert werden. Es sind vor allem die Exkursionen und die Vorträge schwedischer Referentinnen, die mich begeistern. „We are better than yesterday, but not as good as tomorrow”, bringt Anna Fahlkrans, Leiterin des Zukunftslabors „SJ Labs” der Schwedischen Eisenbahn, den nordischen Optimismus auf den Punkt. Im Vortrag hat sie unter anderem darüber referiert, dass in Schweden unter die Haut implementierte Mikrochips als Fahrschein funktionieren. Per Kongress-App wurde das Publikum anschließend befragt, wer sich so einen Chip implementieren lassen würde. In Echtzeit wurde das Ergebnis aufs Display projiziert – ich konservativer, mit nein stimmender Bedenkenträger gehöre zur 2/3-Mehrheit.

Nicht nur digital, auch analog kann man sich in Schweden einiges abschauen. Ob Design, Architektur oder nachhaltige Mobilität – die Schweden sind uns genauso viel voraus wie die Niederländer, aber sie posaunen es nicht ständig in der ganzen Welt herum. So zumindest mein Eindruck nach einer Woche Ikealand.

Beispiel Neubaugebiete: Die sehen in Schweden eigentlich genauso aus wie in Deutschland. Nur dass es statt Parkplätzen Kinderspielplätze gibt. Und schon sehen sie doch komplett anders aus. Die Schweden räumen ihren Kindern also mehr Platz ein als ihren Autos. Wenn man aus Deutschland kommt, findet man auch das komisch. Das Auto darf nicht am Haus geparkt werden, sondern – neben elektrischen Carsharing- und Bikesharing-Fahrzeugen - im 200 Meter entfernten Mobility Hub: „So haben sie 200 Meter lang Zeit, darüber nachzudenken, ob das eigene Auto wirklich die sinnvollste Wahl ist.“ Schließlich parkt das (Lasten-)Fahrrad direkt vor der Haustür. Eine Straßenbahn wird in Uppsala noch gebaut, die Busse fahren bereits heute mit Batterie, Biogas oder Biodiesel – schließlich will die Stadt ja bis 2030 komplett „fossil-free“ sein. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass sie das auch schaffen wird.

Die Verpflegung auf der Konferenz war übrigens konsequent vegetarisch – und verdammt lecker. Beim regional-saisonalen mehrgängigen Abschlussdinner wurde uns vorgerechnet, dass dieses nur 0,5 kg CO2 pro Person und somit nur etwa 10 % eines „normalen“ Konferenz-Abschlussdinners verursacht hat. Nach einer Woche in Schweden habe ich das gute Gefühl, dass unser Planet doch noch gerettet werden kann. Die Welt muss einfach nur ein bisschen schwedischer werden.

Zurück in Deutschland strande ich am Bahnhof von Puttgarden. Aus den angekündigten 70 Minuten Verspätung werden 84, der Nachtzug gen Süden wartet in Hamburg nicht auf mich, eine Woche schwedische Entspanntheit werden von einem Abend Deutsche Bahn zunichte gemacht. Ich bin wieder in der Gegenwart angekommen. In der Zukunft war es schöner.

Hammarbysee in Stockholm

Fahrradwaschanlage in Uppsala

Kein Beamer da? Wir haben doch einen Fahrradlenker!

Neubaugebiet (Uppsala-)Rosendal - mit Laufbahn statt Straße

Ist das noch Architektur oder schon Kunst? Stockholmer U-Bahn

Wie in Deutschland - nur Kinder statt Autos

Industriekultur in Norrköping

Die tollste aller Schwedinnen: Astrid Lindgren

Derzeit zu jeder Tageszeit hell: Stockholm

Samstag, 17. März 2018

Autofreie Fahrradstadt Brixen?

Es ist kalt an diesem Märzmorgen. Die Fußgänger haben noch ihre Wintermäntel an, die Lieferanten tragen Handschuhe, auch der Verkehrspolizist an der Ecke scheint zu frieren. Man sieht den Atem der Fußgänger, die den Großen Graben entlang flanieren. Und man sieht den Atem der Autos, die von der Romstraße in den Kleinen Graben einbiegen. Der Atem der Fußgänger stört nicht weiter. Der Atem der Autos verursacht Lungenkrebs. Deshalb wird gerade überall von Fahrverboten geredet und geschrieben.

Die Autos müssen in den Kleinen Graben einbiegen, geradeaus im Großen Graben herrscht Fahrverbot: Der Große Graben ist wie große Teile der Brixner Altstadt eine Fußgängerzone. Romstraße und Kleiner Graben hingegen stehen nach wie vor überwiegend den Autos zur Verfügung, die zu Fuß gehenden Menschen sind teilweise durch Ketten von der Fahrbahn abgeschnitten. Und das, obwohl es mit der Dantestraße 200 Meter weiter eine autogerechte Parallelverbindung gibt. Und es seit 2011 einen 110 Mio. € teuren Umfahrungstunnel gibt, der eigentlich hätte die Dantestraße entlasten und zu ihrem Rückbau führen sollen. Und es neben bzw. über dem Umfahrungstunnel die Brennerautobahn gibt, die ja auch eine Umfahrung von Brixen darstellt. So viel Geld und Fläche für Autos – und die Fußgänger werden hinter Ketten gesperrt. Brixen scheint eine Stadt für Autos zu sein, keine Stadt für Menschen.

„Fährt man durch die Stadt, so passiert man unsichtbare Gefängnismauern, hinter denen sich die Fußgänger auf Gehsteigen zu bewegen haben. Ausgang bekommen sie nur an besonders dafür markierten Stellen, häufig noch durch Signallichter zeitlich dosiert. Ausbrüche können leicht tödlich enden, besonders für Kinder.“ (Hermann Knoflacher)

 

Städte für Menschen


Das Schlagwort der „Städte für Menschen“ entstammt dem gleichnamigen Buch von Jan Gehl. Der bekannte Architekt empfiehlt dem Rest der Welt, was er in seiner Heimatstadt Kopenhagen erfolgreich angewendet hat: den städtischen Raum den Menschen zurückgeben. „Langsamerer Verkehr bedeutet automatische lebendigere Städte“, kann man in seinem Standardwerk nachlesen, und „schneller Verkehr hat leblose Städte zur Folge.“ Gehl untermauert seine Thesen mit eindrucksvollen Fotos weltweiter Positiv- und Negativbeispiele.

Das häufigste Gegenargument für eine Neuverteilung des öffentlichen Raums, für eine Umwandlung von Pkw-Fahrspuren in Fahrradstreifen, Busspuren und Fußgängerzonen, lautet: Dann gibt es Stau und Verkehrschaos und alles bricht zusammen.

Jan Gehl rechnet vor, dass das Gegenteil der Fall ist und Pkw-Fahrspuren in Innenstädten eine ineffiziente Flächenverschwendung sind: Zwei 3,5 Meter breite Streifen beidseits der Straße bieten Platz für bis zu 20.000 Passanten pro Stunde; zwei Radwege mit einer Breite von zwei Metern genügen für 10.000 Radfahrer pro Stunde; eine einfache Straße mit zwei Fahrspuren hingegen bietet nur Platz für 1.000 bis 2.000 Fahrzeuge pro Stunde.


Diese Zahlen findet man in vielen Studien und Publikationen. Aber nicht in den Köpfen der Menschen. Da steht geschrieben: Je mehr Straßen ich baue, desto weniger Stau gibt es.

Verkehrsberuhigung in Brixen


Brixen hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Straßen gebaut. Und sich davon weniger Stau erhofft. Funktioniert hat das nur bedingt: Eine Studie des Ingenieurbüros Helmut Köll aus dem Jahr 2007 hat prognostiziert, dass der Autoverkehr in Brixen nach der Eröffnung des Umfahrungstunnels um 43 % abnehmen wird. Vor dem Bau des Tunnels waren auf der SS 12 im Zentrum von Brixen bis zu 25.000 Kfz pro Tag unterwegs. Und jetzt, 11 Jahre und 110 Mio. € später? Genaue Zahlen gibt es keine, die sollen in Kürze erhoben werden. Aber klar ist: Die gewünschte Entlastung hat es noch nicht gegeben. Die Dantestraße wurde nicht rückgebaut oder verkehrsberuhigt, im Kleinen Graben und in der Romstraße gibt es weiterhin keine Einschränkungen für den Autoverkehr. Die Verkehrsbelastung in der Brixner Innenstadt ist weiterhin hoch.

„Automobilität ist jene Mobilitätsform, die derzeit global in jeder Minute mehr als zehn Menschenleben zerstört.“ (Hermann Knoflacher)

In den vergangenen Jahrzehnten war man in Brixen konsequent(er), was das Thema Verkehrsberuhigung angeht: Anfang der 1970er Jahre wurde – gegen große Widerstände – der Autoverkehr vom Domplatz und aus weiten Teilen der Altstadt verbannt. Anfang der 1990er Jahre wurde der Große Graben verkehrsberuhigt.






Warum hat man weitere 20 Jahre später nicht die Chance genutzt, zeitgleich mit der Eröffnung des Umfahrungstunnels eine fußgängerfreundliche Umgestaltung der Innenstadt zu initiieren? Das beantwortet Thomas Schraffl, Mobilitätsreferent der Gemeinde Brixen, im Interview:



Brixen nicht zu Tode beruhigen


Übertreiben sollte man es allerdings nicht mit der Verkehrsberuhigung – davor warnt der Obmann der Brixner Kaufleute: Hans-Peter Federer beschäftigt sich bereits seit 20 Jahren intensiv mit dem Thema Verkehr in der Brixner Altstadt und saß fünf Jahre lang im Gemeinderat. Heute sitzt er in seinem Schuhgeschäft am Großen Graben und empfängt zum Interview. Gut gelaunt und gut vorbereitet argumentiert er, warum er eine weitergehende Verkehrsberuhigung für kontraproduktiv hält. Er will Brixen „nicht zu Tode beruhigen.“

„Wenn die Stadt anfängt leer zu werden, ist sie tot.“ (Hans-Peter Federer)
Hans-Peter Federer zeigt ein Youtube-Video einer Stadtplanerin aus Stuttgart, die berichtet, dass man Fußgängerzonen eventuell verkleinern muss, um sterbende Innenstädte wiederzubeleben. Will auch Federer die Fußgängerzone in Brixen verkleinern? Nein, die Verkehrsberuhigung von Domplatz und Großem Graben „war sicher kein Fehler.“ Aber der Status Quo – 2,5 Kilometer Fußgängerzone und circa 350 Geschäfte – ist aus seiner Sicht eine gute Balance: „Zu viel Fußgängerzone bedeutet zu viele Geschäfte – dann ist das Gleichgewicht gestört und andere Geschäfte müssten schließen.“

Der Obmann der Kaufleute streitet also nicht ab, dass verkehrsberuhigte Straßen attraktiv für die flanierende Kundschaft sind. Die Kaufkraft im kleinen Brixen ist aber begrenzt, er fürchtet einen Verdrängungswettbewerb, wenn noch mehr Fußgängerzonen eingerichtet werden. Zumal Romstraße und Kleiner Graben seiner Meinung nach „kein Schleichweg, sondern ein Entlastungsweg“ sind, auf den man trotz Umfahrungstunnel nicht verzichten kann: „Nur drei Nord-Süd-Straßen – das ist zu wenig.“

„Wenn es schön ist, fühlen sich die Touristen wohl. Und wenn sie sich wohlfühlen, geben sie Geld aus.“ (Hermann Knoflacher)

Dank der Verlegung des Schwerlastverkehrs in den Umfahrungstunnel gibt es laut Federer auf der alten Durchfahrtsstraße weniger Stau und es ist attraktiver geworden, mit dem Auto nach Brixen zum Einkaufen zu fahren: „Ohne Umfahrungsstraße wäre es der Tod der Innenstadt gewesen.“ Gegen Durchfahrtsbeschränkungen auf der Dantestraße wehrt sich Federer hingegen vehement: „Der Kunde meidet die Stadt, wenn er gezwungen wird, auf die Umfahrungsstraße zu fahren.“

Dem Konzept Shared Space, demzufolge sich alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt die Verkehrsfläche teilen sollten, kann Federer nicht viel abgewinnen: Er hält es für ein veraltetes und gefährliches Konzept, das folgerichtig auch anderswo nur selten umgesetzt wird. Und: „Wenn andere das schon nicht machen, warum sollen wir das machen? Man kann auch aus dem lernen, was andere nicht machen.“

Ist Federers Schlussfolgerung, dass man besser gar nichts machen sollte? Zumindest sollte die Gemeinde nichts Falsches machen: „Es reicht, dass die Stadt die Autos verbannt hat, es sollten jetzt nicht auch noch die Fahrräder ausgelagert werden.“ Gegen ein fahrradfreundliches Brixen hätte auch Hans-Peter Federer nichts einzuwenden: „Sperrige Geschäfte wurden eh aus der Innenstadt verbannt, also können die Leute auch mit Fahrrad einkaufen.“

Einladung zum Fahrradfahren


Beim Verlassen des Schuhgeschäfts blickt man rechts auf einen Fahrradständer, an dem 19 Fahrräder stehen. Würden dort 19 Autos stehen, dann bräuchten die mehr als 190 m² Platz. Platz, den es nicht gibt. Oder den man den Fußgängern und Radfahrern wegnehmen müsste. Und genau das sollte man laut Jan Gehl nicht machen: „Am wichtigsten ist, dass wir die Menschen dazu animieren, das Laufen und Radfahren zur täglichen Gewohnheit zu machen. Einladung ist hier das Schlüsselwort.“

„Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren.“ (John F. Kennedy)

Anderswo wurden die Menschen eingeladen, zu Fuß zu gehen oder mit dem Rad zu fahren: In Gehls Heimatstadt Kopenhagen, wo Café-Außenbereiche frühere Straßenflächen besetzen. In Wien, der Haupt-Wirkungsstätte des bekannten Verkehrsplaners Hermann Knoflacher, wo die einst vielbefahrene Mariahilferstraße in eine Begegnungszone umgewandelt wurde. In New York, wo in den letzten Jahren 100 Kilometer neue Radwege gebaut wurden und der Higline Park auf einem alten Bahnviadukt zum Flanieren einlädt. In Seoul, wo ein Autobahnviadukt abgerissen und der darunter liegende Fluss freigelegt und in eine grüne Lunge umgewandelt wurde. Die Zukunft der Städte ist nicht mehr autogerecht, sondern menschengerecht. Warum nicht auch in Brixen?

Autofreie Zukunft


In ein paar Jahren könnte es dann so sein, dass an einem kalten Märzmorgen keine Autos mehr von der Romstraße in den Kleinen Graben einbiegen. Der öffentliche Raum gehört dann Radfahrern und Fußgängern, die Autos wurden aus dem Brixner Stadtzentrum verbannt; es gibt keine Ketten mehr, die die Fußgänger an den Rand drängen; fröhliche Familien fahren in Cargobikes ihre Kinder und ihre Einkäufe durch die Stadt; dank Elektrofahrrädern und City-Bussen ist für die täglichen Erledigungen niemand mehr auf das Auto angewiesen; zufriedene Händler haben vor dem Eingang ihres Geschäfts Fahrradbügel aufgestellt und profitieren davon, dass Touristen wie Einheimische mit Bus und Fahrrad unterwegs sind und nicht mehr wie früher mit dem Auto: In einer attraktiven Innenstadt ohne Verkehrslärm und Gestank geht man lieber einkaufen als in einem gesichtslosen Einkaufszentrum auf der grünen Wiese. Und wer Fahrrad fährt, der kauft im Zentrum ein und belebt es somit.

Um es mit den Worten von Jan Gehl zu sagen: „Eine gute Stadt ist wie eine gute Party: Die Gäste bleiben, weil es ihnen gefällt.“

Diese Multimedia-(Abschluss)arbeit entstand gemeinsam mit Julia Belli im Rahmen des Journalismuslehrgangs des KfJ

Sonntag, 25. Februar 2018

Goethe - Italienische Reise

AUCH ICH IN ARKADIEN!
Seit drei Jahren wohne ich in Italien und habe einen Balkon, wo die Zitronen blühen.

Aber Goethe hat Italien viel schöner beschrieben als ich das könnte, deshalb überlasse ich ihm die Texte und steuere nur die dazu passenden Fotos bei. Einfach auf eines der Fotos klicken, dann öffnet sich das Fotoalbum. Im Album wiederum auf die einzelnen Bilder klicken, damit die Texte angezeigt werden.

https://photos.app.goo.gl/hl3bNyscYxU691i02

https://photos.app.goo.gl/hl3bNyscYxU691i02

https://photos.app.goo.gl/hl3bNyscYxU691i02

Zum Abschluss ein paar Zitate, die Goethe 1786-1788 verfasst hat… und von denen ich natürlich niemals behaupten würde, dass sie heute noch aktuell sind oder auch zu mir passen würden 😎

  • „Ich lasse mir's gefallen, als wenn ich hier geboren und erzogen wäre und nun von einer Grönlandsfahrt, von einem Walfischfange zurückkäme.“ (S. 37)
  • „Die Menschen leben ein nachlässiges Schlaraffenleben.“ (S. 41)
  • „In einem Lande, wo man des Tages genießt, besonders aber des Abends sich erfreut, ist es höchst bedeutend, wenn die Nacht einbricht.“ (S. 63)
  • „Ferner ist dem Inländer die Sache so viel leichter, weil er sich um Mittag und Mitternacht eigentlich nicht bekümmert und nicht, wie der Fremde in diesem Lande tut, zwei Zeiger miteinander vergleicht“. (S. 65)
  • „Die milde Luft, die wohlfeile Nahrung läßt sie leicht leben. Alles, was nur kann, ist unter freiem Himmel.“ (S. 67)
  • „Die uns so sehr auffallende Unreinlichkeit und wenige Bequemlichkeit der Häuser entspringt auch daher: sie sind immer draußen, und in ihrer Sorglosigkeit denken sie an nichts.“ (S. 67)
  • „Könnte ich nur den Freunden einen Hauch dieser leichten Existenz hinübersenden!“ (S. 127)
  • „Dem Landesbewohner wollt' ich alles lassen, wenn ich nur wie Dido so viel Klima mit Riemen umspannen könnte, um unsere Wohnungen damit einzufassen.“ (S. 133)
  • „wie überhaupt die Italienier diesen Lokalpatriotismus im höchsten Sinne hegen und pflegen“ (S. 135)
  • „Dieses Italien, von Natur höchlich begünstigt, blieb in allem Mechanischen und Technischen, worauf doch eine bequemere und frischere Lebensweise gegründet ist, gegen alle Länder unendlich zurück.“ (S. 157)
  • „Mir wenigstens ist es, als wenn ich die Dinge dieser Welt nie so richtig geschätzt hätte als hier. Ich freue mich der gesegneten Folgen auf mein ganzes Leben.“ (S. 179)
  • „Von der Nation wüßte ich nichts weiter zu sagen, als daß es Naturmenschen sind, die unter Pracht und Würde der Religion und der Künste nicht ein Haar anders sind, als sie in Höhlen und Wäldern auch sein würden.“ (S. 189)
  • „Das schöne, warme, ruhige Wetter, das nur manchmal von einigen Regentagen unterbrochen wird, ist mir zu Ende November ganz was Neues.“ (S. 192)
  • „Alles deutet dahin, daß ein glückliches, die ersten Bedürfnisse reichlich anbietendes Land auch Menschen von glüchlichem Naturell erzeugt, die ohne Kümmernis erwarten können, der morgende Tag werde bringen, was der heutige gebracht, und deshalb sorgenlos dahin leben.“ (S. 261)
  • „Ich finde in diesem Volk die lebhafteste und geistreichste Industrie, nicht um reich zu werden, sondern um sorgenfrei zu leben.“ (S. 262)
  • „Warum sind wir Neueren doch so zerstreut, warum gereizt zu Forderungen, die wir nicht erreichen noch erfüllen können!“ (S. 346)
  • „Und so befinde ich mich an Leib und Seele wohler als jemals! Möchtet ihr es an meinen Produktionen sehen und meine Abwesenheit preisen.“ (S. 481)
  • „Mir ist aufgefallen, daß in einer großen Stadt, in einem weiten Kreis auch der Ärmste, der Geringste sich empfindet, und an einem kleinen Orte der Beste, der Reichste sich nicht fühlen, nicht Atem schöpfen kann.“ (S. 523)
  • „Vielleicht fände ich jetzt, da mein Auge geübter ist, auch nordwärts mehr Schönheiten.“ (S. 570)
Die Seitenangaben der Zitate beziehen sich auf die Taschenbuch-Ausgabe des Insel Verlags Berlin (24. Auflage 2013).

Freitag, 23. Februar 2018

Herzlich willkommen

Herzallerliebste Leserinnen und Leser, es ist mir eine Herzensangelegenheit, dieses Mal über ein menschliches Organ zu schreiben: Herz ist Trumpf!

Wenn Rudi Carell und Reinhard Fendrich früher ein „Herzblatt“ präsentiert hatten, dann hatte das nichts mit Watten oder Schafkopf zu tun, sondern mit herzergreifenden Liebesschwüren. Aber warum ist das Herz eigentlich Symbol für die Liebe? Andere Körperteile sind bei der Liebe doch viel mehr beteiligt. Klar, das Herz schlägt schneller, wenn man einen herzensguten Mensch beherzt umarmt – aber das tut es bei sportlicher Betätigung auch. Oder wenn man Angst hat. Das Herz könnte also genauso gut ein Symbol für Angst oder Sport sein. Warum reduzieren wir das Herz meist auf rote Farbe und Liebe? Auch der herzverpestete Valentinstag und diese ganze Herzschmerz-Musik – Herzilein, du musst nicht traurig sein; Herz an Herz; Jeden Herzschlag wert – reduziert unser wichtigstes Organ auf seine Funktion als Liebessymbol. Da müsste mal jemand beherzt eingreifen und erklären, wie wichtig das Herz-Kreislauf-System ist, und dass es nicht nur für herzzerreißende Schnulzen missbraucht werde sollte.

Noch nie hat man von Milzog, Leberog oder Lungenog gehört. Aber den Herzog, den gibt’s. Der ist Fußballer (Andreas), Eisschnellläuferin (Vanessa), Filmemacher (Werner), Architekt (& de Meuron) und deutscher Bundespräsident (Roman). Und dann gibt’s da noch Richard Löwenherz und die ganzen mittelalterlichen Herzoge. So mancher Mittelalter-Herzog hatte sein Herz am rechten Fleck, andere haben eher herzlos agiert. Da war das Wohl der Untertanen nicht unbedingt eine Herzensangelegenheit, eher sind sie von ganzem Herzen gerne in den Krieg gezogen und haben fremde Länder erobert. Und das ein oder andere Herz sicherlich auch. Denn die Person, der ein durchschnittlicher Herzensbrecher sein Herz gerne öffnen möchte, ist sicher nicht der Kardiologe.

Das Herz an sich hat mit dem mittelalterlichen Feudalsystem natürlich nichts zu tun, es ist zutiefst demokratisch – schließlich hat es zwei Kammern. Wichtige Entscheidungen, die auch die anderen demokratischen Organe betreffen, müssen sicherlich von beiden Herzkammern beschlossen werden.

Aber genug der Herzlichkeiten: Ich habe eine Herzensentscheidung getroffen und genieße nun auf dem Herzstück meines Zimmers sitzend ein Lebkuchenherz und schaue mir Urlaubsfotos aus Bosnien-Herzegowina an. Und ich freue mich schon jetzt auf das Herzschlagfinale bei der nächsten Fußball-WM. Das Spiel auf dem Rollrasen wird bei manchen zu Herzrasen oder gar Herzstillstand führen. Ich lege Ihnen ans Herz, das Spiel besser frohen Herzens zu genießen und ihre Herzfrequenz runterzufahren.

Herzliche Grüße,
Markus
Diese Haustür in Taormina heißt alle Besucher herzlich willkommen

Dieser Artikel wurde in der Straßenzeitung Zebra (Ausgabe Februar 2018) veröffentlicht.
Der Kauf der Zebra lohnt sich meiner Meinung nach sowohl für Käufer (weil die Inhalte wirklich interessant sind) als auch für Verkäufer (weil sie einen Euro vom Verkaufspreis behalten dürfen und einen Zugang zu Arbeitswelt und sozialen Kontakten erhalten). Mehr Infos hier.

Montag, 29. Januar 2018

Wia Nui - Upcycling in Brixen

In unserer WG gibt es einen eigenen Blog-Battle um die Frage, wer den Müll runterbringt. Aber die eigentliche Frage ist ja: warum schmeißen wir immer alles gleich in den Müll? Wäre Upcycling nicht auch eine Lösung? In welche tollen Produkte man scheinbar nutzlose Stoffe verwandeln kann, zeigt das Geschäft WiaNui in Brixen. Die Slide-Show, die Sara Senoner und ich im Rahmen unseres Journalismus-Lehrgangs gebastelt haben, zeigt euch das sympathische Geschäft in der Brixner Innenstadt:


Mittwoch, 3. Januar 2018

2017: Unterwegs mit GPS-Gerät und Kamera

1. Januar 2018, 11:38h: Ich sitze auf einem Ledersessel im 1. Klasse-Abteil, hinter mir die Schnellfahrstrecke Erfurt-Ebensfeld, vor mir mein nagelneues Microsoft Surface Pro, neben mir ein Chestnut Praline Latte von Starbucks. Der Start ins neue Jahr kann sich sehen lassen – Kapitalismus-Konsumopfer Markus ist auf dem Weg zurück in den Südtiroler Schnee und lässt das vergangene Jahr Revue passieren. Abgesehen von zwei völlig unnötigen Verletzungspausen und manchem Arbeits-Ärger war mein 2017 ein wunderschönes Jahr. Es hat in Wien begonnen und ist in Berlin zu Ende gegangen, jeweils mit tollen Freunden. Dazwischen lagen:
  • 16 Länder (Österreich, Italien, Deutschland, Schweiz, Vatikan, Niederlande, Belgien, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Türkei, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Iran, Griechenland)
  • 24 Touren auf die Bozner Hausberge (14x Ritten, 6x Kohlern und 6x Jenesien)
  • 4.473 Fahrrad-Kilometer (also das Jahresziel 5.000 verfehlt, aber fast 1.000 mehr als im Vorjahr)
  • 78.131 gewanderte oder geradelte Höhenmeter (also das Jahresziel 50.000 locker geschafft)
  • 15 verfasste Blog-Texte (wenn man das Kaukasus-Tagebuch als einen Text rechnet)
  • 26 gelesene oder gehörte Bücher (die coolsten: Mark Twain - A Tramp abroad, Orhan Pamuk - Das Museum der Unschuld, Robert Menasse - Die Hauptstadt; die furchtbarsten: Michel Houellebecq – Unterwerfung, Elena Ferrante - Die geniale Freundin)
Bei Starbucks war ich 2017 nicht ein einziges Mal, Surface hatte ich auch noch keins, die Schnellfahrstrecke Erfurt-Ebensfeld gab’s noch nicht und in der 1. Klasse saß ich auch eher selten. Wird 2018 also alles noch besser und luxuriöser? Muss gar nicht sein, ich bin auch so zufrieden. Und blicke zurück auf schöne Reiseerinnerungen in Fotoform, die ich gerne mit euch teile:
Neapel und Umgebung

Föhr, Amrum und Sylt

Südtirol und Umgebung 2017

Venedig - Rom

Belgien und Niederlande



Wie schon im Vorjahr dürfen die Europa- und die Südtirolkarte mit meinen GPS-Tracks nicht fehlen:



Mal schauen, ob 2018 genauso super wird. Einen ersten Rückblick habe ich ja bereits gewagt.