Mittwoch, 9. August 2017

Von der bürokratischen Herausforderung, ein Visum für den Iran zu beantragen

Angeblich kostet ein Visum für den Iran 50 € und die Bearbeitungszeit beträgt 10-15 Tage. Ich habe 133,18 € bezahlt und fast zwei Monate gewartet. Aber dafür war ich im Karwendelgebirge wandern und habe eine neue Nagelschere.

Mein Urlaubsziel für diesen Sommer: Teheran. Mit Zug und Bus durch Balkan, Türkei, Kaukasus und den Iran. Mein Wohnort: Bozen. Und Schöllkrippen. Ich besitze zwei Wohnsitze, aber nur eine Staatsbürgerschaft, die Deutsche. Damit ist klar, dass ich mein Visum in Deutschland beantragen muss. Ist mir eh lieber, bei der Wahl zwischen einer Behörde in Italien und einer Behörde in Deutschland würde ich mich immer für die Behörde in Deutschland entscheiden, auch wenn es eine iranische Behörde ist.

Aber wo in Deutschland? Es gibt eine Botschaft in Berlin und mehrere Konsulate. Das praktischste wäre natürlich Frankfurt, 54 Kilometer von meinem angeblichen und dem tatsächlichen Wohnsitz meiner Eltern entfernt, und auch meine Reisepartnerin wohnt in der Nähe. Auf den 54 Kilometern überquert man aber eine Grenze: die von Bayern nach Hessen. Weil Schöllkrippen seit dem Reichsdeputationshauptschluss vor gut 200 Jahren in Bayern liegt, ist das Konsulat in München für mich zuständig und nicht das in Frankfurt. München liegt von meinen beiden Wohnsitzen jeweils vier Stunden entfernt. Und nach der Auskunft des Konsulats in Frankfurt gehe ich davon, dass ich persönlich erscheinen muss, um mir das Visum in den Pass kleben zu lassen. Was einen Tag Urlaub nehmen bedeutet, weil Samstagsöffnungszeiten in Deutschland ebenso ungewöhnlich sind wie flexible Arbeitszeiten in Italien.

Mittwoch, 07.06.: Der Online-Visumantrag
Zumindest den Antrag kann man aber online einreichen. Das erledige ich am 07.06., mehr als zwei Monate vor Beginn der Reise. Eine Hoteladresse angegeben, ein ungefähres Einreisedatum bestimmt, Reisepass und Passbild hochgeladen und losgeschickt. Voll modern. Dank Trackingcode kann ich sogar jederzeit den Status meines Visumantrags überprüfen: „Waiting for verification“ steht da. 
Und das 20 Tage lang.

Dienstag, 27.06.: Der Anruf im Konsulat
Nach zahlreichen vergeblichen Anläufen erreiche ich endlich einen Mitarbeiter des Konsulats – die telefonische Sprechstunde beträgt immerhin eine Stunde pro Tag. Per Mail wurde ich vorher darüber informiert, dass per Mail nicht zu Visumfragen geantwortet wird.

Der unfassbar unfreundliche Mensch am anderen Ende der Leitung erklärt mir, dass ich noch lange auf meine Verification warten kann, wenn ich nicht endlich meinen Pass und den Zahlungsbeleg ins Konsulat schicke.

Pass und Zahlungsbeleg ins Konsulat schicken? Das hätten sie ja auch mal vorher sagen können. Oder auf der Website schreiben können. Warum gibt es einen Online-Antrag, wenn man doch alles per Post schicken muss? Und überhaupt: Erst bezahlen, dann kriegt man vielleicht ein Visum? Das Prinzip kommt mir bekannt vor: Das aserbaidschanische Visum, das ich für meine Reiseroute ebenfalls brauche, musste ich zweimal bezahlen. Beim ersten Versuch wurde der Antrag nämlich abgelehnt, beim zweiten Mal dann genehmigt, aber bezahlen musste ich zweimal.

Also gut, Geld überwiesen. 50 € vielleicht futsch. Kontoauszug ausgedruckt, elektronischen Antrag nochmal ausgedruckt, Reisepass dazu. Mitsamt Passfoto und frankiertem Rückumschlag soll ich das nach München schicken. Der frankierte Rückumschlag muss natürlich an die auf dem Antrag angegebene Adresse in Deutschland gehen. Also brauche ich deutsche Briefmarken. Fuck. Außerdem würde ich der italienischen Post nach den Erfahrungen der letzten zweieinhalb Jahre niemals meinen Reisepass anvertrauen. Also spontaner Plan: am Samstag nach Mittenwald fahren. 100 Kilometer Luftlinie, für die die Post vier Tage braucht und die Bahn dank beschissenem Übergang in Innsbruck vier Stunden.

Samstag, 08.07.: Die Reise nach Mittenwald
Bei Abfahrt in Bozen um 7:32 Uhr bin ich um 11:35 Uhr in Mittenwald, laut Internet schließt die Postfiliale im Bahnhof Mittenwald um 12 Uhr. Die Deutsche Bahn ist nicht Teil der Reisekette, also könnte es sich pünktlich ausgehen.

Der beschissene Übergang führt dazu, dass ich in Innsbruck eine Stunde Zeit habe, ein Passfoto zu machen. In Bozen steht zwar wie in den meisten italienischen Bahnhöfen ein Passbildautomat, aber der Geldautomat spuckt nur 50 €-Scheine aus und zum Geldwechseln reicht die Zeit nicht mehr. Es wird in Innsbruck schon auch einen Passbildautomat am Bahnhof geben.

In Innsbruck am Bahnhof gibt es keinen Passbildautomat. Was nun? Hausverstand oder Google? Hausverstand sagt: Ins Kaufhaus Tyrol gehen, da gibt es entweder einen Passbildautomat oder einen Infocounter, an dem man fragen kann, wo ein Passbildautomat steht. Google sagt: Am Innrain 41 gibt es einen Fotoautomat. Ist zwar eine ganze Ecke weg, aber ich bin ja gut zu Fuß.

Hausverstand oder Google? Ich habe mich leider für Google entschieden.

Am Innrain 41 gibt es keinen Fotoautomat. Nur eine Galerie und pensionierte Anrainer, die verdutzt aus dem Fenster schauen, wenn ein junger Mann im Hinterhof einen Fotoautomat sucht. Zeit für den Hausverstand: Schnellen Schrittes ins Kaufhaus Tyrol. Da gibt es zwar auch keinen Fotoautomat, aber einen Infocounter, an dem ich erfrage, dass es gegenüber in der Rathausgalerie einen Fotoautomat gibt.

Kurz bevor ich die Suche nach dem Fotoautomat aufgebe, fällt mir auf, dass ich ja nach wie vor kein Kleingeld habe. Also erstmal einen Cappuccino To Go für 2,80 €. Damit bin ich jetzt schon bei 52,80 € Kosten für das Visum. Dank Koffein und dem lokalen Gemüsehändler finde ich schließlich im Untergeschoss den Fotoautomat. 7 € reinschmeißen, nicht lächeln, zack, bumm, fertig – 5 Passbilder. Neuer Zwischenstand: 59,80 €.

Alle 5 Passbilder ans Konsulat schicken wäre ja Verschwendung, und sie haben ja explizit geschrieben „1 Passbild“. Ich will ihnen keine Begründung mitliefern, meinen Antrag abzulehnen. Also brauche ich eine Schere. Wo krieg ich jetzt auf die Schnelle eine Schere her? Bei Bipa. Für 9,95 €. Neuer Zwischenstand: 69,75 € Euro für das Visum. Ich wünsche der Kassiererin ein schönes Wochenende und eile zurück zum Bahnhof. Zwei Minuten vor Abfahrt und leicht schwitzend erreiche ich den Zug nach Mittenwald. Während der Fahrt schneide ich mein Passbild aus. 

Ich komme pünktlich in Mittenwald an, betrete das Bahnhofsgebäude – und sehe einen Passbildautomaten. Hier hätte es nur sechs Euro gekostet. Und wäre 58 Minuten schneller gegangen. 

Leicht zu finden: Passbildautomat in Mittenwald.
Deutsche Post in Mittenwald: Kurze Wartezeit, freundliche und kompetente Angestellte – wenn ich die Zeit im Zug als Qualitätszeit (wann hat man schonmal Zeit zum Lesen?) verbuche, dann ist es effizienter und angenehmer, ins Postamt nach Mittenwald zu fahren, als Ewigkeiten im Bozener Postamt in der Schlange rumzustehen, bis man endlich von einer unfähigen Beamtin bedient wird.

Super Service: Deutsche Post in Mittenwald
Ich bestehe darauf, genau die Umschlaggröße zu verwenden, die das Konsulat empfiehlt, koste es, was es wolle, stecke sämtliche geforderten Unterlagen samt dem teuer erkauften und erschnittenen Passbild in das Kuvert. Zack, bumm, fertig – abgeschickt. 7,60 € kostet der Spaß. Und mein Antrag ist auf dem Weg nach München.

Neuer Zwischenstand: 69,75 €
Ich hingegen mache mich auf den Weg ins Karwendelgebirge – schließlich muss ich ja erst am Abend zurück nach Bozen. Wenn ich schonmal hier bin… kann ich auch 1.400 Höhenmeter, 430 Tunnelmeter und 55 Fotos lang durch das Karwendelgebirge wandern. Die vielleicht schönste Wanderung, die ich heuer gemacht habe. Und zu verdanken habe ich sie dem iranischen Konsulat. 

Am Ende einer wunderbaren Wanderung: Mittenwald aus der Vogelperspektive.

Dienstag, 11.07.: Die Whatsapp aus Schöllkrippen
Ich checke mal wieder den Status meiner Visum-Anfrage. Unverändert „waiting for verification“. Quasi gleichzeitig schickt mir meine Mutter eine Whatsapp: Zuhause ist ein Brief vom iranischen Konsulat angekommen. Sie schickt mir Fotos. Es ist mein frankierter Rückumschlag. Mein Passbild. Mein Pass. Mein Zahlungsbeleg. Mein Online-Antrag. Also alles, was ich ihnen geschickt habe. Zusätzlich noch ein nicht ausgefüllter Offline-Visumantrag. Visum ist keins dabei.

Ich überlege kurz, ob ich weinen oder lachen soll. Ich entscheide mich für lachen. Was soll das? Begleitbrief gibt es keinen. Telefonsprechstunde gibt es erst wieder morgen von 14 bis 15 Uhr.

Der subtile Hinweis mit dem leeren Formular – ich soll das also ausfüllen? Aber das habe ich doch Online schon alles ausgefüllt? Wofür gibt es denn die Online-Beantragung? Und warum, verdammt nochmal, sagen sie mir das nicht einfach, statt 7,60 € Portogebühren vollständig zunichte zu machen, indem die ganze Scheiß Prozedur mit Umschlag und Rückumschlag jetzt wieder von vorne starten muss? Warum behalten sie den Pass nicht einfach in München und bitten darum, den bereits ausgefüllten Antrag nochmals auszufüllen und nachzureichen? Was soll der Scheiß? Haben sie sich durch den USA-Stempel in meinem Pass provoziert gefühlt? Oder durch den Poststempel aus Mittenwald, wo vielleicht mal amerikanische Gebirgsjäger stationiert waren? Meine positive Grundhaltung gegenüber dem Iran (die ich mir trotz deutschem Medienkonsum bislang erhalten konnte) schwindet. Ich versteh es einfach nicht. 

Zwischenzeitlich hat sich übrigens nach erneuter Nachfrage endlich das Hotel in Teheran mal gemeldet, das ich im ersten Visumantrag angegeben hatte und wo ich unter Angabe meiner Kreditkartennummer zwei Zimmer gebucht hatte.
Das Hotel gibt es seit sechs Monaten nicht mehr.

Mittwoch, 12. Juli: Die italienische Post
Ich finde den blöden Antrag, der unausgefüllt in Schöllkrippen liegt, auf der Botschafts-Website. Aber ich muss ihn selber ausfüllen und vor allem unterschreiben. Und danach aus Bozen nach Schöllkrippen schicken. Hätten sie doch einfach den Pass in München behalten… Sei es drum: Ich begebe mich zur Post, verschwende dort meine Zeit und gebe 2,70 € dafür aus, dass das Formular möglichst schnell nach Schöllkrippen gelangt.

Am nächsten Tag ist es noch nicht da. Nach zwei Tagen auch nicht. Nach drei Tagen auch nicht. Nach einer Woche auch nicht.

Mittwoch, 19. Juli: Manuels Absage
Manuel kriegt kein Visum für den Iran. Begründung: Keine. Nach einem Telefonat mit der Botschaft ist er so schlau als wie zuvor und gibt die Hoffnung auf, dass er mit uns in den Iran fahren kann. Er kann also nur bis Aserbaidschan mitkommen. Für seine Freundin wird die Reise ebenfalls in Baku zu Ende sein. 

Von vier kleinen Jägermeistern bleiben nur noch zwei, die theoretisch in den Iran einreisen können. Falls mein Antrag irgendwann in Deutschland ankommt.

Donnerstag, 20. Juli: Die Statusänderung
Auch nach 8 Tagen ist der Brief noch nicht in Schöllkrippen angekommen. Ich telefoniere mit meiner Mutter und gehe verschiedene Optionen durch. Dass mein Vater meine Unterschrift fälscht ist keine.
Immerhin: Mein Visum-Status ist mittlerweile accepted. Das iranische Innenministerium wäre also damit einverstanden, dass ich ihr Land bereise. Jetzt hängt es irgendwann am Konsulat in München. Aber vorerst an der italienischen Post.

Ich überlege mir einen Plan B: Eine erneute Reise zu einem deutschen Briefkasten. Das mit der italienischen Post scheint ja nichts zu werden. Ich könnte nächstes Wochenende in München eine Freundin treffen. Und von München den Brief, den ich in Bozen 11 Tage vorher verschickt hatte, erneut verschicken. Damit der Inhalt von Schöllkrippen zurück nach München, von dort samt Pass wieder nach Schöllkrippen und von dort samt Reisepartnerin wieder nach München gelangen kann.

Deutschland diskutiert gerade darüber, eine Einreisewarnung für die Türkei zu verhängen. Sicher, demokratisch ist die Türkei schon lange nicht mehr. Aber sie ist nicht unser größtes Problem vor der anstehenden Reise…

Sonntag, 23. Juli: Die Reise nach München
Die Reisekosten nach München fließen nicht in die Kostenrechnung mit ein, ich wäre eh hingefahren. Aber die 1,45 € für die Briefmarke, die mir Svenja aus Karlsruhe mitgebracht hat, schon. Ausgefülltes Antragsformular ins Kuvert, Briefmarke drauf, Brief in den deutschen Briefkasten. Direkt ins Konsulat bringen bringt ja nichts, weil die Schlaumeier meinen Pass ja nach Schöllkrippen geschickt haben. Würde ich Pass und Antrag getrennt an sie schicken, würden sie das, was zuerst kommt, bestimmt gleich wieder zurückschicken. Deshalb der Postweg von München über Schöllkrippen nach München. Damit befinden sich nun zwei identische Briefkuverts mit identischem Inhalt auf dem Weg nach Schöllkrippen. Eines mit deutscher Briefmarke, eines mit italienischer. Welches wohl (zuerst) ankommen wird?

Mittwoch, 26.07.: Zwei Anträge in Schöllkrippen
Die Post ist da! Der Brief aus München hat Schöllkrippen erreicht. Und der aus Bozen auch. Beide am selben Tag. Drei Tage nach dem Einwurf in München, 14 Tage nach dem Versand in Bozen. Die italienische Post ist einfach nur zum Kotzen.

Die ganze Mühe mit dem erneuten Versand aus München war also völlig umsonst. Aber egal: Jetzt zählt jeder Tag, die Zeit drängt! Also bitte ich meinen Vater, noch heute das nun hoffentlich endgültig vollständige Kuvert samt frankiertem Rückumschlag bei der Post aufzugeben.

Leider ist heute Mittwoch. Der einzige Nachmittag in der Woche, an dem die Post-Dienststelle in Schöllkrippen geschlossen ist. Zum Glück gibt es 3 Kilometer weiter Krombach. Ein furchtbar langes, furchtbar langweiliges Straßendorf. Aber mit einer Post-Annahmestelle, die auch am Mittwochnachmittag Post annimmt. Auf geht’s. Es bleiben noch gut zwei Wochen, um meinen Pass von Schöllkrippen nach München, mit eingeklebtem Visum wieder von München nach Schöllkrippen und schließlich wieder zurück nach München zu bringen, wo ich die Reise am 11. August beginne. Es bleibt spannend. Wenn alles gut geht, steht der Reise nichts mehr im Weg. Wenn’s schiefgeht, hab ich gar keinen Pass und komme nicht mal nach Kroatien.

Dienstag, 1. August: Da ist das Ding!!!
Mir fällt vor Freude ein Steinbruch vom Herzen: Das Visum ist in Schöllkrippen angekommen. Und das, obwohl auf dem Rückumschlag eine Martin-Luther-Postkarte klebt. Lang lebe die islamische Republik! In 10 Tagen kann die Reise starten.


Gesamtkosten:
50 € Visum
7,60 € (Mittenwald) + 7,60 € (Krombach) + 2,70 € (Bozen) + 1,45 € (Karlsruhe/München) = 19,35 € Portokosten
7 € Passbilder
2,80 € Cappuccino in Innsbruck
9,95 € Nagelschere
21,60 € Ticket Innsbruck – Mittenwald und zurück
22,48 € Ticket Bozen – Innsbruck und zurück
Insgesamt: 133,18 €



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Kommentare:

  1. Als ich mein Visum für Indien beantragt habe, hatte ich auch zurerst in Frankfurt angerufenund die Auskunft bekommen, dass ich nach München muss (das war bevor ich hierher gezogen bin). Ich habe das ignoriert und bin nach Frankfurt gegangen, wo ich ohne Probleme mein Visum beantragen konnte :D LG Regina

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  2. Das merk ich mir, falls ich mal nach Indien will :-)

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